©Heike Facklam

Von Menschen ...und Engeln
ein spiritueller Roman, ist geschrieben, lektoriert, doch noch nicht verlegt.

Kurzbeschreibung: Auf einer Intensivstation trifft sich eine Handvoll Menschen. Sie alle eint die Sorge um einen schwerkranken Angehörigen. Auch Anton Nunzius, Stadtrat von Perlstadt, bangt um seine Tochter Ellen, die nach einem Radunfall im Koma liegt. Im Wartezimmer begegnet er Menschen anderer Glaubenssätze, Religionen und Kulturen. Zwischen ihnen entsteht eine ungewöhnliche Vertrautheit. Sie fühlen sich verbunden und erzählen sich teils unglaubliche Lebensgeschichten. Diese Verbundenheit wird noch gestärkt durch ein Büchlein, das offenbar alle in irgendeiner Weise in Erinnerung haben. Die „Himmlischen Geschichten“ haben für alle Anwesenden eine Bedeutung. Sie lesen sie nicht nur der kleinen Larissa vor, deren Bruder Lars ebenfalls mit dem Tod ringt, sondern auch ihren eigenen scheinbar bewusstlosen Angehörigen. Diese teils auch kindlich beschriebenen Geschichten erzählen die Abenteuer von zwei kleinen Rucksackengeln auf dem Weg zur Erde. Hintergrund sind dabei bereits bekannte alte Märchen und Mythen. So entsteht ein durchaus schräger Blickwinkel auf die Anderswelt mit ihren Elfen, Bethen, Nebelmännern, Göttinnen und Göttern. Die manifeste Botschaft: Das Portal dorthin heißt „Liebe“.
Am Ende verflechten sich die spirituellen Erzählungen mit der realen Welt der Menschen, die sie lesen oder hören.

LESEPROBE (die ersten 55 Seiten)

 

PROLOG

Ein herrlicher Sommertag neigte sich an diesem 21. Juni seinem Ende. Die ganze Woche war ungewöhnlich schwül und heiß und die Nächte drückend gewesen, obwohl der Sommer erst am Anfang stand. Doch der heutige Tag fühlte sich trotz 28 Grad durch einen leichten Ostwind luftig an. Nun aber stapelten sich am abendlichen Horizont dunkle Wolkenschichten, aus denen in der Ferne bereits Blitze schossen. Marion Nunzius schaute mit mulmigem Gefühl zum Himmel und dann auf ihren runden Babybauch, in dem es ähnlich wie am Firmament unruhige Bewegungen gab. Obwohl der offizielle Geburtstermin erst in einer Woche war, fühlte sie sich zum Platzen. Sie schleppte sich kugelrund, wie sie war, ins Schlafzimmer und vergewisserte sich, dass dort der kleine, bereits gepackte Notfallkoffer für das Krankenhaus stand. Markus, ihr Mann, würde erst in ein paar Stunden von einer Dienstreise zurückkehren. Er war erstmals seit dem Mauerbau 1961 nach Westberlin unterwegs. Noch vorhin in den Nachrichten hatten sie von Grenzvorfällen und sogar Schüssen im Zonengebiet gesprochen. Sie war in Sorge. Gerade jetzt wäre es ihr lieber gewesen, ihn zu Hause zu wissen, einfach zur mentalen Unterstützung. So ganz allein mit diesem kleinen unruhigen Geist im Bauch, der gar nicht mehr zu strampeln aufhörte, wurde sie zunehmend nervös.
„Ich glaube, ich sollte mal sicherheitshalber unsere Schutzkerze anzünden!“, murmelte sie vor sich hin.
Sie holte die überdimensional große, honigfarbene Kerze von der Vitrine und stellte sie auf den Wohnzimmertisch. Sie war schon zur Hälfte abgebrannt. Marga, ihre Schwester, zündete sie immer an, wenn sie zu Besuch war. Sie war ein ausgesprochener Kerzenfan und hatte ihr das überdimensionale Licht aus reinem Bienenwachs vor Jahren zum Geburtstag geschenkt.
„Falls mal die Schutzengel eine Pause machen, ist gut gegen Gewitter – innen wie außen“, hatte sie augenzwinkernd erklärt.

Marga war schon immer spirituell angehaucht und pflegte diese Ausrichtung weiterhin, während Marion sich mehr auf das verließ, was sie sehen und hören konnte. Doch gerade jetzt hatte sie den inneren Wunsch nach Schutz und zündete die honigfarbene Kerze an. Sie freute sich an dem warmen Schein, der ihr Zuversicht gab. Eben machte sich das Gewitter mit kurz aufeinanderfolgenden Blitzen und Donnerschlägen beängstigend laut bemerkbar. Marion schauderte, war aber trotzdem fasziniert von der Gewalt der Elemente. Sie wollte dieses Himmelsschauspiel auf der geschützten Terrasse verfolgen, goss sich noch rasch in der Küche Lavendeltee ins Glas und kuschelte sich anschließend, so gut es in ihrer bauchigen Situation möglich war, mit mehreren Kissen im Rücken in den Korb-Schaukelstuhl auf der Terrasse. Der Rosenbusch vor ihr hatte bereits zarte weiß-rosa Blüten, die unglaublich gut dufteten.
Obwohl schwarze, tiefe Wolken den Himmel bedeckten, schien sich das Unwetter zu verziehen. Inmitten des Potpourris aus Lavendel- und Rosenduft blätterte sie in einem alten Buch. Sie hatte es tags zuvor zufällig beim Stöbern auf dem Dachboden in einem alten Wäschekorb gefunden. Dort lagerten auch ihre Kinderspielsachen und alte Schulhefte.
Auch ihr einst heißgeliebter Teddybär war ihr dabei in die Hände gefallen. Für den würde es wohl bald eine Gelegenheit zur Wiederverwendung geben. Als Marion sich das bildhaft vorstellte, vibrierte ihre Bauchdecke. Sie spürte ein kleines Strampeln und quittierte es mit feinsinnigem Lächeln.
Die freudigste Überraschung dieses Herumstöberns war jedoch der Fund des alten Jugendbuches gewesen, das sie nun in Händen hielt. Liebevoll streichelte sie über den leicht schimmernden Umschlag. Der Einband aus Leinen war in satiniertem hellen Blau, der Titel in einst goldenen Buchstaben war nur noch verblassend zu lesen:
Himmlische Geschichten“ das Kultbuch schlechthin für sie und ihre Schwester. Marga hatte es kurz nach dem Krieg in einem Antiquariat aufgestöbert. Nach der unheilvollen Nazizeit waren Bücher dieser Art Mangelware. Marion erinnerte sich noch gut, wie Marga vor Aufregung herumgehüpft war, als sie einst damit nach Hause gekommen war.
„Schau mal, was für ein magisches Schatzbüchlein ich da gefunden hab. Omama wäre begeistert!“
Das Interesse an spirituellen Themen lag ein wenig in der Familie. Ihre Großmutter hatte in den 30er-Jahren einmal im Monat zu einem sogenannten okkulten Salonabend eingeladen. Damals war für die beiden Mädchen der Zutritt natürlich strengstens verboten. Ihre Neugier wuchs, als so manch seltsames Geräusch, wie ein Knarzen und Poltern, aus dem Dachatelier drang. Leider war es ihnen nie gelungen, selbst zu sehen, wie sich Tische oder Stühle von selbst verrückten. Das vermuteten sie jedenfalls.

Das Haus und mit ihm die Großeltern waren einem der ersten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Deshalb konnten sich die zwei Schwestern später beim gegenseitigen Vorlesen aus dem magischen Buch immer nur ausmalen, welchen Kommentar dazu wohl ihre Omama von sich gegeben hätte.
Nach diesen Lesungen diskutierten sie meist hitzig ihre eigenen gegensätzlichen Vorstellungen von Himmel und Erde. Während Marga nach solch kontroversem Austausch meist stundenlang in den nahe gelegenen Wald flüchtete, sinnierte Marion noch einmal im familiären Studierzimmer über die gehörten Sätze nach. Marion war schon immer eine richtige Leseratte gewesen, die sich gerne mit dicken Büchern, Decken und Kissen in ungestörte Ecken verzog.

Gerade jetzt im Schaukelstuhl auf der Terrasse, umgeben von vielen weichen Kissen, Büchern und Zeitschriften, fühlte sie sich ein wenig zurückversetzt in die damalige Zeit. In melancholischer Stimmung lehnte sie sich mit dem abgegriffenen, doch so vertrauten Buch in Händen zurück.
Neugierig auf ihre Erinnerungen an diese oft gelesenen Seiten, schlug sie das erste Kapitel auf. Es gelang ihr auf Anhieb, mit Haut und Haaren in die Geschichte einzutauchen.

                       

Himmlische Geschichten

IM ZENTRUM

Im „Kosmischen Zentrum“, dem Himmel aller Himmel sozusagen, herrschte dicke Luft. In dieser göttlichen Vorstandszentrale der Unendlichkeit wurde das Weltengeschehen geplant und entworfen. In unzähligen Gewölben, Sälen und Hallen tagten ständig Erzengelgruppen und Himmelsräte. Die Ergebnisse dieser Besprechungen wurden feinsäuberlich in Chroniken vermerkt, den sogenannten Akashas.

Über diesen Sphären schwebte in stetiger Präsenz eine zartviolette Lichtwolke: Es war die all-eine heilige Göttlichkeit AL-OM. Aus ihr strömten wie Strahlen endlose, silbrige Fäden und goldene Götterfunken, die alles, aber wirklich alles im Universum durchdrangen und jedes noch so kleine Atom von Mensch, Maus und Mehlprimel im Universum mit göttlichem Äther zu durchleuchten vermochten.
Oberstes Gebot AL-OMs war nicht Beeinflussung, sondern freier Wille. Dieses Urgesetz galt selbstverständlich auch für alle Mitwirkenden im Kosmischen Zentrum. Der eigene Wille war stets erstes Gebot und so kam es durchaus vor, dass Göttinnen und Götter, Elementarkräfte, Engel und Geistwesen nicht immer himmlischen Gebarens waren, sondern eben auch mal ‚rumpelstilzig‘ wirkten. So jedenfalls nannte es Maria Magdalena, eine der aufgestiegenen Meisterinnen, wenn sich mal jemand danebenbenahm.

Wenn eine Wesenheit beispielsweise den Zustand des Zornes wählte, eine eher untypische himmlische Eigenschaft, so bedeutete dies, freiwillig in eine universelle Lernaufgabe einzusteigen. Durch dieses Experimentieren mit der Polarität und menschlichen Gefühlen hatten sie die Möglichkeit, annähernd zu begreifen, warum in einigen Galaxien das blanke Chaos, Krieg und Krankheit dominierten, während anderswo ein friedliches, gesundes und liebevolles Dasein zu beobachten war.
Wer also bis jetzt geglaubt hat, dass im obersten Himmel immer alles eitel Sonnenschein ist, der sollte besser weiterlesen:

Omjega war die höchstrangigste Himmelskönigin des Universums. Ihre unbeschreibliche Schönheit zog alle kosmischen Wesenheiten in ihren Bann. Sie war umgeben von einer funkelnden Aura, ihre silbernen Haarlocken flossen wie ein Lichtmantel an ihr herab. Meist trug sie seidig schimmernde Gewänder, die ihre sich stets nach Mondstand wandelnde Figur sanft umschmeichelten. So schwebte sie manchmal voll und rund, ein andermal schlank wie eine sichelförmige Silhouette über ihre Wolkenfelder. An Tagen des Dunkelmonds war sie in ein schlichtes schwarzes Kleid gehüllt und ein nachtblauer Seidenschleier lag auf ihrem Haar. Bei Vollmond jedoch trug sie ihre wallenden Locken offen und umgab sich mit einem silbernen Sternenumhang.
Sie galt als uneingeschränkte Lenkerin der internen Geschehnisse im großen Himmelsgewölbe. Ihr Göttergatte Alphalus dagegen war mehr für die Außenstellen, also Galaxien, Planeten und Trabanten zuständig. Der Himmelskönig war eine mächtige Erscheinung mit rötlich leuchtendem Haar, das seinen Kopf wie ein lodernder Strahlenkranz umgab. Wer ihm nahe kam, musste sich vorsehen. Kleine, unvorsichtige Engelchen, die zuhauf umherschwirrten, hatten sich schon manchmal in Alphalus’ Nähe ein Flügelfederchen versengt. Das Besondere an den beiden Gottheiten war das Phänomen der Wandlung. Wenn sich Alphalus und Omjega in Liebe umarmten, verschmolzen sie ineinander und bildeten in dieser vollendeten Form AL-OM, die heilige Urkraft. Dieses Schauspiel konnte man in allen Universen und Paralellwelten sehen. Von der Erde aus betrachtet war das meist die Zeit von Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

Irgendwann hatte die Heilige Göttlichkeit die Polarität erschaffen, wohl aus Langeweile, weil sie immer mit sich allein war. Omjega und Alphalus verkörperten die Idee dieser Polarität perfekt. So entstanden Männliches und Weibliches, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Licht und Schatten. Alles wäre gut gelaufen, wenn sich AL-OM nicht auf den Vorschlag ihres Lieblingsengels Lucifer eingelassen hätte. Lucifer liebte Experimente und so bat er AL-OM, den Dualismus auf der Erde auszuprobieren. Lucifer galt bisher als Lichtbringer, doch nun erlaubte sie ihm, Botschafter des dunklen Pols zu werden – und damit lief zum ersten Mal, aus himmlischer Sicht, etwas schief. Denn Erzengel Lucifer war schon immer ein Perfektionist. Er probierte während seines Aufenthalts auf der Erde so lange die Abwesenheit des Lichts aus, bis er sich plötzlich versehentlich selbst davon abkapselte. Ein fatales Spiel! Denn damit beraubte er sich selbst der Fähigkeit, seinen göttlichen Ursprung zu erkennen. Er beließ es nicht dabei, aus Tag Nacht oder aus Licht Schatten zu machen. Seine unheilvollste Idee, der Liebe den Hass entgegenzusetzen, gelang. Von da an erlosch jeglicher Götterfunke in ihm und er versank immer tiefer in die Materie. Seine satanische Kraft war geboren. Mit seinem Glauben an die materielle Macht nahm er die Menschheit gefangen und brachte Unheil, Krankheit und Krieg – bis in die heutige Zeit. Nicht nur auf Gaia, Mutter Erde, sondern auch auf angrenzenden artverwandten Erdenwelten breitete sich diese negative Strahlung aus. Die unheilvollen Schwingungen nahmen immer größere Ausmaße an und so häuften sich im gesamten Kosmos die Beschwerden über Lucifers dunkle Mächte.

Dies war der Grund, weshalb Alphalus gerade mit den vier Elementarmächten Ignis, Aquaros, Aera und Terra sowie der gesamten Erzengelfraktion vor der großen Telekristallkugel stand und mit einer ungewöhnlich aufgebrachten Mutter Erde konferierte. Diese ansonsten geduldige und besonnene Planetin war heute zornig, laut und wütend. Sie brüllte so sehr, dass die Kristallkugel wackelte:

„Schluss mit lustig und tolerant und dem ganzen Chichi, ich erbitte, nein, ich verlange sofort eure Unterstützung. Diese Homo sapiens kapieren seit Tausenden von Jahren gar nichts, schaut mich doch mal an!“

Die versammelten hohen Wesen sahen betroffen in ein pockiges, graues Kugelgesicht, das mit tiefen Rissen und vielen kohlschwarzen, rauchenden Pickeln übersät war. Dabei war sie einst so hübsch gewesen – strahlendes Blau, stets eingehüllt in einen makellosen silbernen Ozonmantel, von dem jetzt nur noch Fetzen übrig waren.

„Ich bestehe nunmehr auf der Erlaubnis, meine Vulkane einzusetzen. Ich muss dringend Dampf ablassen, sonst besteht die Gefahr einer totalen Explosion! Das könnt ihr doch nicht wollen!“, echauffierte sie sich lauthals.
Betreten umfasste Aquaros seinen Dreizack.
„Du weißt, was das heißt, Gaia“, flüsterte er. „Das ist das Ende der Menschheit auf deiner gesamten Oberfläche!“

„Das ist mir ziemlich egal, lieber Aquaros. Es wird wieder neues Leben entstehen, doch ich brauche von diesen menschlichen Plagegeistern jetzt erst mal für ein paar tausend Lichtjahre Erholung. Ja! Erholung und Frieden!“

Das brüllte sie so laut aus dem Telekristall, dass es im Himmelsgewölbe kräftig nachhallte. Kurz darauf schwebte eine besorgte Omjega mit ihren Engelfrauen ein.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie ihren Mann bekümmert.

„Nun, ein wenig Aufruhr im Universum“, grummelte der zurück.

Omjega sah in die Kristallkugel.

„Oh je, du große Mutter, du siehst ja furchtbar aus, Gaia!“

Auch die Engelfrauen seufzten, eine stieß wegen des desolaten Bildes der Großen Erdmutter einen entsetzten Schrei aus. Alphalus schilderte seiner Himmelsgattin kurz das Ansinnen der Erdplanetin. Omjega runzelte die Stirn.

„Siehst du, ich habe dir ja gleich gesagt, dass dein guter Glaube „Alles wird gut“ nicht funktioniert. Gaia ist wohl das beste Beispiel dafür!“

„Ja“, gab Alphalus kleinlaut zurück und fügte trotzig hinzu: „Ich habe Lucifer und die schwarzen Engel unterschätzt. Seine Nanoteufelchen sind wahrlich zur Plage geworden. Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie sich in den Menschenverstand so hinterlistig einschleichen und die göttliche Erinnerung rauben würden. Es tut mir leid, aber so etwas kann in ein paar tausend Jahren doch auch schon mal vorkommen, oder? Außerdem hast du ja in Übereinstimmung mit AL-OM diesen Versuch abgesegnet.“

Omjega schüttelte ihren silbernen Lockenkopf, sodass die Funken sprühten, und marschierte ungehalten auf ihren Mann zu. Energisch klopfte sie ihm mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Brust:

„Doch du, mein lieber Mann, hast dieses Projekt geleitet, schließlich hat die All-Eine auch noch ein bisschen was anderes im Universum zu tun, nicht wahr! Du hast einfach nicht aufgepasst und viel zu viel patriarchale Kraft entstehen lassen. Nun ist so ziemlich alles in einem Ungleichgewicht, wie du ja selbst von Gaia gehört hast. Die derzeitigen Weltreligionen, allesamt mit männlichen Machtträgern, die auch mit deinem Einverständnis etabliert wurden, haben das Ganze noch verschlimmert. Das ist meine Meinung.“

Die vier Elementarwesen nickten ihr bestätigend zu.

„Jawohl!“, schrie Gaia aufgebracht durch das Telekristall, denn sie fühlte sich durch Omjegas Worte unterstützt, „seit diese Lehren hier auftauchten, gibt es Streit. Jeder meint, sein Gott 11wäre der Einzige und Richtige. In ihren Glaubensbekenntnissen schreiben diese gläubigen Eiferer zwar ganz viel über Frieden und Nächstenliebe, schlagen sich aber gegenseitig die Köpfe ein. Eure Anwesenheit, by the way, haben sie völlig vergessen. Die Gewalt, der Unfrieden, der Machtmissbrauch und die Intoleranz, die sich durch die selbsternannten Vertreter dieser Religionen auf meinen Erdteilen ausbreiteten, machten es für Lucifer zu einem leichten Spiel. Noch immer wird im Namen Gottes zwar Liebe gepredigt, doch Andersgläubige werden misstrauisch beäugt oder noch schlimmer verfolgt und getötet, im Namen Gottes. Die dazugehörigen Schriften werden als von Gott oder einem Propheten übermittelt ausgegeben, sind aber ausschließlich von Menschenhand und vor allem nur von Männern aufgeschrieben. Größenwahnsinnige Päpste, Könige, Mullahs und Bischöfe zelebrieren ihren Machterhalt mit Pomp und Gloria. Ja Halleluja noch einmal, geht es eigentlich noch – was denkt sich diese Menschheit. Wer um Himmels willen hat diese Männer in den letzten paar tausend Jahren so bestimmend werden lassen?“

Mutter Erdes Donnerwetter saß. Alphalus und seine Gefolgschaft zogen ein wenig die Köpfe ein. Alle wollten ihr in ihrem Dilemma helfen.

„Du hast ja so recht, liebste Gaia. Also, ich hätte wahrlich Lust und würde dir grünes Licht für eine neue Ära geben. Erst ein paar flächendeckende Waldbrände, ein netter Vulkanausbruch und danach eine kleine Eiszeit, warum nicht!“, meldete sich der hitzköpfige Ignis, in einen lodernden Feuermantel gehüllt, zu Wort.

Die Winde von Aera fegten zornig durch die Ecken und wisperten: „Ja, und zuerst ein paar Orkane, ein hübscher Tornado und Tsunamis.“

„Da könnte ich mich anschließen, mit großen Fluten kenne ich mich aus“, brummelte Aquaros in seinen dekorativen Wellenbart, in dem ein paar hübsche Muscheln und Seepferdchen hingen.

Terra, die Erdengöttin, im braunen Rindenrock und grüner Moosröschenjacke seufzte:
„Ach, was wird aus meinen ganzen schönen Wäldern und Wiesen, Pflänzchen und Blümchen? Nein, damit bin ich nicht einverstanden! Da redet ihr davon, wie gewalttätig die Menschheit ist, und was seid ihr?“

„Die Urelemente!“, entgegnete ihr forsch der feurige Ignis.
„Jeder Mensch trägt uns in sich und trotzdem werden wir so wenig geschätzt. Wenn die Erdlinge Katastrophen brauchen, um uns wieder mit Ehrfurcht zu begegnen, dann müssen wir uns eben entsprechend in Szene setzen.“

„Das ist ja wieder mal typisch männlich. Ehrfurcht, allein das Wort ‚Furcht‘ gefällt mir schon nicht!“, fauchte die ansonsten so sanfte heilige Maria dazwischen. Die Worte flogen wie Fetzen hin und her und die himmlischen und elementaren Gemüter erhitzten sich zusehends. Kleine Rauchwölkchen und Nebelschwaden zogen auf. Immer dann, wenn die gar zu gegensätzlichen Meinungen und Ansichten in den heiligen Hallen keine Aussicht auf Einigung verhießen, gab es nur eine Lösung. Omjega und Alphalus blickten sich einvernehmlich an:

„Zeit zum Fusionieren!“, meinte Alphalus augenzwinkernd. Omjega nickte und er ging mit einem liebevollen Blick auf sie zu. Dann umarmten sie sich innig. Ein greller Blitz entstand und dann lösten sie sich im selben Moment in unzähligen kleinen silbernen und goldenen Nanofädchen purer Göttlichkeit auf. Erzengel Michael, der diese Szenerie mit gezücktem Schwert nüchtern beobachtete, fand das wie immer ein wenig kitschig. Engelhafter Chorgesang, samtenes Licht, friedvolle Energie ließen die Gegenwart der all-einigen, heiligen Göttlichkeit erahnen. AL-OM, die gestaltlose Urkraft des gesamten Universums, Gott und Göttin zugleich, hatte sich selbst aus dieser Umarmung in Form einer violetten Wolke erschaffen.

„Meine Lieben, kein Gezänke. So einfach mit Weltuntergang geht das auch nicht“, ertönte es sanft, jedoch klar und bestimmend aus dem violetten Lichtstrahl. Die göttlichen Weisungen AL-OMs waren in jedem Winkel des Himmelsraums zu hören.

„Wir hatten gemeinsam vor ein paar Millionen Jahren die Idee mit unserer Besiedlung auf Erden und die Form von Körperlichkeit aus Fleisch und Blut mithilfe der Elemente konzipiert. Bedauerlicherweise war dieses Konzept nicht ganz ausgereift. Und was auf Gaia ganz klar zu verändern ist: Weibliche und männliche Kräfte müssen wieder in eine gesunde Balance kommen. Ich möchte euch bitten, erst einmal einen Notfallplan zu erstellen, wie wir Planet Erde entlasten können. Schließlich haben wir ja hier oben eine Menge Experten, die durchaus wieder mal Ordnung dort unten schaffen könnten.“ Dabei war ein süffisantes Kichern aus der lila Wolke zu vernehmen.

Offensichtlich stieß dieser Vorschlag auf wenig Zustimmung. Die Mienen sowohl der Vertreter der Elemente wie auch die der Erzengelfraktion sprachen Bände. Keiner hatte wirklich Lust, sich auf diesen Problemplaneten zu begeben.

„Wir könnten doch erst einmal unsere Task-Force-Engel schicken“, meinte Aera, die sich ihre luftig seidigen Flügel nicht gerne mit erdigen Tätigkeiten schmutzig machte.
„Das hat doch früher auch schon mal funktioniert. So ein größerer Auftritt von Michael oder Raphael dürfte doch gut ankommen“, wisperte sie windig.
Metadron, Fürst aller Engel, lächelte hintergründig und antwortete sarkastisch:
„War bloß nicht ganz so nachhaltig in den letzten zweitausend Jahren. Nun, liebe Aera, das wäre dir natürlich recht, aber meine engsten Vertrauten bleiben hier. Michael hat kürzlich bereits den größten Part mit der Rückholung von Lucifer geleistet.“ Dabei wies er mit einer seiner mächtigen Schwingen auf den Erzengel, der mit scheinbar unbeteiligter Miene eifrig seine Schwertklinge polierte.

„Ich könnte mich aber dafür erwärmen, Avatare einzusetzen oder Wiederkehrer aus Lemurien zu schicken. Die wissen wenigstens, was dort unten gespielt wird, denn sie haben vor Äonen gelernt, wie paradiesisch man auf der Erde leben könnte. Außerdem besteht durch Lucifers Aufstieg berechtigte Hoffnung, den göttlichen Ursprungsgedanken wieder zu verbreiten“, antwortete er gnädig.
Da niemand widersprach, wandte er sich ehrbietend an das violette Licht: „AL-OM, All-Eine, wärst du damit einverstanden, auch wieder mal ein paar neue unbelastete Seelen als kleine Rucksackengel auf Gaia landen zu lassen? Das könnten wir doch ausprobieren. Darüber haben wir schon vor ein paar hundert Jahren geredet.“

„In der Tat, diese Idee scheint mir recht, weiser Metadron. Es braucht unverbrauchte, karmalose Energien auf dem Erdplaneten. Für größere Wunder und die Entsendung von Avataren ist es noch nicht an der Zeit, aber hoffnungsvolle Lichtpunkte könnten dadurch gesetzt werden und neues Denken einleiten. Wenn ihr euch einigt, seid ihr frei in dieser Entscheidung. Doch denkt, wägt und redet nicht nur – handelt! Wird ja auch endlich Zeit mit dem goldenen Zeitalter dort unten. Die Leitung dieses Projekts liegt jedoch diesmal ausschließlich in weiblicher Hand, also bei Omjega und Freya, das muss euch allen klar sein!“, grollte es nicht mehr ganz so sanft aus der lila Wolke.
„Ich sehe mir das mal ganz all-einig von oben an. Es gibt auch

noch einiges in den Zwillingsuniversen zu erledigen. Gaia ist schließlich nicht meine einzige Baustelle! Außerdem brauche ich nach der Aufregung erstmal ein wenig Urlaub im göttlichen Nichts und ziehe mich vorerst in meine zeitlose Leere zurück. Nun, meine Lieben, tut was und seid euch dabei stets meiner Liebe bewusst.“ Bei diesen Worten bauschte sich die Wolke in eine Herzform, was von allen Anwesenden mit erleichterten Mienen quittiert wurde. Sie waren sich der bedingungslosen Liebe AL-OMs sicher.
Mit einem etwas weniger grellen Blitz transformierte sich der violette Nebel zurück in die Gestalten von Omjega und Alphalus. Weise lächelnd standen sie sich nun wieder als Polaritäten gegenüber.

Besonnen überzeugte Omjega den Himmelsrat, einen Plan für einen großen Regenbogentransfer zu organisieren, mit der Unterstützung von Freya, die die Erdtransporte verantwortete. Eifrig diskutierten sie, wer die Reise antreten sollte und mit welcher Ausrüstung. Der Kreis beschloss einstimmig, Gaia zu unterstützen und auf dem Planeten Erde ein neues Zeitalter einzuläuten. Die ersten Botschafter dieser Kunde sollten ein paar kleine Rucksackengel sein.

REGENBÖGEN

Marion schmunzelte und legte das Buch auf einen Stapel Zeitungen. Sie fand diese Interpretation der Himmelsmächte auch heute noch nach fast 30 Jahren amüsant. Irgendwie schien das Thema eines beginnenden goldenen Zeitalters wie eine Modeerscheinung immer mal wieder aufzutauchen. Durch ihr gespanntes Lesen war ihr entgangen, dass sich das Lüftchen inzwischen in einen Sturm verwandelt hatte. Die Wolken waren jetzt bedrohlich dunkelgrau gefärbt und die ersten dicken Tropfen fielen herab. Eilig lief sie nach drinnen und ging durchs ganze Haus, um alle Fenster zu schließen, denn nun fing es an, wie aus Kübeln zu schütten. Sie hatte gehofft, das Wetter würde vorbeiziehen, doch nun blitzte und krachte es unaufhörlich. Bei jedem Donner hüpfte es in ihrem Bauch und sie verspürte ein leises Ziehen.

„Ich will jetzt noch nicht!“, rief sie dem nächsten Donner entgegen und streichelte von außen ihr ungeborenes Kind. Sie versuchte, sich vorerst mit rhythmischen Atemübungen abzulenken, und dachte an die entsprechenden Anleitungen ihrer Hebamme. Das Unwetter beruhigte sich jedoch nicht, sondern schwoll zum Orkan an. Dicke Hagelkörner prasselten vom Himmel. Aus verschiedenen Richtung der Stadt waren schon Martinshörner zu hören. Marion war mulmig zumute. Bei dem Wetter wäre wohl so schnell kein Taxi zu bekommen, falls sie sich doch entschied, vorsichtshalber ins Krankenhaus zu fahren. Die Praxis ihres Gynäkologen war heute am Samstag geschlossen. Was sollte sie nur tun? War das regelmäßige Ziehen im Unterleib schon ein Signal, dass die Wehen eingesetzt hatten? Sie wählte die Nummer von Sieglinde, der Hebamme, doch niemand hob ab.
„Nun, dann packe ich wenigstens noch ein paar zusätzliche Sachen in mein Köfferchen, falls es schnell gehen muss“, sprach sie zu sich selbst. Das beruhigte ihre Gedanken. Bevor sie jedoch dazu kam, läutete das Telefon.
„Sieglinde, ach das ist ja schön“, seufzte Marion erleichtert. „Ich hatte eben versucht, dich zu erreichen. Irgendwie fühle ich mich gerade nicht so gut und Markus kommt erst gegen acht vom Flughafen. Ich versteh es auch nicht, was mit mir los ist. Als Geburtstermin war erst übernächste Woche berechnet. Wir wollten heute Abend noch zu Margas kleiner Abschiedssommerparty vor ihrer Amerikareise. Ach, und ich hätte so gerne noch solo ein paar unserer alten Freundinnen gesehen. Wenn erst einmal so ein kleiner Quälgeist neben mir sitzt, ist es vorbei mit ungestörten Gesprächen. Kannst du mir als einer quasi Spätgebärenden einen guten Rat geben? Stell dir vor, dieser Doktor hat doch tatsächlich zur mir gesagt, dass ich zu alt sei mit 39, eine Risikogeburt! So ein Depp! Ich fühle mich jedenfalls nicht alt. Obwohl …, ein bisschen recht hat er natürlich schon.“
Während des Telefongesprächs mit Sieglinde massierte Marion ihren Bauch und fühlte sich gleich wieder etwas besser.
„Weißt du, jetzt, wo ich weiß, dass du zu Hause bist, geht es schon wieder. Wahrscheinlich doch Fehlalarm! Falls es schlimmer wird, melde ich mich.“
Sie verabschiedete sich zuversichtlich und legte den Hörer mit dem Wissen auf, dass Sieglinde im Fall des Falles in zehn Minuten bei ihr sein könnte. Dann holte sie von der überdachten Terrasse die gewitterfeuchten Kissen und das Büchlein herein, um weiterzulesen. Heiß und schwül war es im Haus. Zu warm, um Tee zu trinken. Sie hatte Lust auf etwas Kaltes. Bevor sie sich mit ihrem prallen Bauch niederließ, holte sie sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Orangenlimonade. Beim Trinken spritzte die Kohlensäure erfrischend kalt an ihre Nase. Das war eben ein richtiges „Kracherl“, dachte sie amüsiert. Ihre Schwiegermutter aus Bayern nannte so Limonade. Und während es draußen noch donnerte und ein heftiger Regenguss den anderen jagte, machte sie es sich mit ihren zahlreichen Kissen auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich. So fühlte sie sich gut aufgehoben, nahm das Büchlein in die Hand und tauchte freudig gespannt in die nächsten himmlischen Geschichten ein.

LUCIFER

Erzengel Michael nickte zustimmend zu Metadrons Vorschlägen. Fast euphorisch stimmte er dem Plan mit den kleinen Rucksackengeln zu. Es musste gehandelt werden. Es war noch nicht lange her, als er selbst erleben musste, wie mächtig die dunkle Kraft geworden war. Der Zusammenstoß mit Lucifer saß ihm wahrlich noch in den Flügeln. Der Himmelsrat hatte dieses ungeheuerliche Ereignis gerade noch heftig diskutiert, bevor Gaias lautstarke Beschwerde über das Telekristall ankam. Ihre aufgebrachten Beschreibungen hatten nur noch bestätigt, dass die Auswirkungen von Lucifers Aufenthalt auf Erden immer bedenklicher wurden. Als sich vor Kurzem die Katastrophen und Hiobsbotschaften im Universum häuften, mussten sich die Himmelsvertreter eingestehen, dass selbst ihre Himmelsbastionen nicht mehr sicher waren. Offensichtlich nutzten die unverschämten Nanoteufelchen Weltraumschrott im All als Transfermittel. Diese Ego-Geschöpfe des Lucifer drangen damit sogar in andere Galaxien vor. Und kürzlich war dann das Ungeheuerliche geschehen. An einem besonders friedlichen Himmelstag spazierte ganz frech ein als Lichtengel verkleidetes Nanoteufelchen an den Nebelmännern vorbei zu den Hüterinnen des himmlischen Haupteingangs und der Ahnenhallen. Die drei Bethen Barbara, Margarete und Katharina ahnten nichts Böses und bewirteten in ihrer Freundlichkeit das getarnte Dunkelwesen mit ihren himmlischen Gaben. Stutzig wurden sie erst, als das Geschöpf mit großer Gier die ganze Dose Mannakekse ohne Bitte und Danke auf einmal verschlang. Das Teufelchen wollte nach seiner Entdeckung eilends in die angrenzenden Ahnenhallen flüchten, wurde aber gerade noch von der weisen alten Barbara am Zipfel seines weißen Hemdchens erwischt und enttarnt. Zum Vorschein kam ein kleines schwarzes zotteliges Etwas. Es roch bestialisch nach faulen Eiern und begann nervend zu zetern, was in diesen Sphären unübliche Geräusche waren. Sofort war die Task Force der Michaelsengel alarmiert. Als der Erzengel persönlich von dieser Unverfrorenheit erfuhr, verspürte Michael etwas Befremdliches in sich: Er wurde unbändig zornig.
„Jetzt langt es aber!“, brüllte er durch das All, „Schluss und aus, Bruder Lucifer!“ Er rauschte in seiner silbernen Rüstung mit gezücktem Schwert durchs große goldene Himmelstor. Vorbei an den sprachlosen Bethen und verdutzten Nebelmännern, flog er direkt in die unterirdische Welt des Gehörnten. Der Besuch dieser Dunkelkammern war allen Engeln des Lichts strengstens untersagt. Doch Michael war nicht zu stoppen. Er schnappte sich den von seinem Erscheinen überraschten Fürsten des Schattenreiches, der hämisch sein teuflischstes Lachen zeigte. Der sonst so weise und bedachte Erzengel konnte mit seinem goldenen Schwert der Liebe nicht mehr an sich halten. Im Affekt wollte er es in die hässlich grinsende Satansfratze stoßen. Noch bevor er zustieß, trafen sich ihre Blicke. In dem Moment dieses heiligen Augenblicks erkannte er hinter der lichtlosen Maske seinen Bruderengel. Lucifer, der aus Liebe zur Göttlichkeit diesen finsteren Part übernommen und sich selbst vom Licht abgeschnitten hatte. Wie in einen Spiegel blickte Michael in die blutunterlaufenen, hinterlistigen Augen seines Gegners und erkannte hinter dem Bösen Verzweiflung, hinter der Verschlagenheit Angst und eine ungestillte Sehnsucht, geliebt zu werden. Michael überkam ein unbeschreibliches Gefühl der unendlichen Dankbarkeit für diesen Augenblick und diese Erkenntnis. Sein Zorn löste sich auf. Er fühlte uneingeschränkte Liebe. Dieses tiefe Empfinden sprang wie ein Funke auf Lucifer über. Seine Erinnerung an das Licht AL-OMs war wiedererwacht. Doch über diese Bewusstwerdung war er alles andere als glücklich. Wie ein waidwund geschossenes Tier bäumte er sich auf und wälzte sich schreiend in den Schichten des Rußes am Boden. Dann verfiel er in lautes, verzweifeltes Brüllen. Der jahrtausendealte Schmerz um das Vergessen seines göttlichen Ursprungs bahnte sich seinen Weg. Es klang durch alle Ewigkeiten und hallte entsetzlich durch das gesamte Universum. AL-OM erlöste ihn kurz darauf mit himmlischer Vergebung und Gnade und der einstige Höllenfürst wurde nunmehr wimmernd an der Seite Michaels zu den drei heiligen Frauen, den Bethen begleitet. In seinem rußigen schwarzen Pelz saß er heulend wie ein Häuflein Elend auf dem Boden. Untröstlich über die lange Zeit des Vergessens seines Ursprungs kniete er vor der heiligen Barbara. Die weise alte Frau war in tiefstes Schwarz gehüllt. Sie sprach milde mit ihm.
„Es ist gut, wie es ist. Alles ging den Weg des Göttlichen. Hadere nicht, du bist nun zurück in deiner Urheimat.“ Dabei entsprang ihren Händen ein violetter Lichtstrahl, mit dem sie Lucifers lichtlose Gestalt abstrich. Katharina, die jungfräuliche Weiße, rümpfte ob des starken Geruchs die Nase.
Pfui Teufel, dachte sie bei sich.
„Nun, Lucifer“, sprach Margarete mütterlich. Sie war auch eine der drei heiligen Frauen und trug eine blutrote Samtrobe.
„Du musst erst noch gereinigt und in deiner vollen Lichtkraft wiederhergestellt werden. Hier ist noch nicht dein Platz. Auch wenn du nunmehr wieder einer der unseren bist, brauchst du erst eine Tiefenreinigung. Das machst du am besten bei den Nebelmännern und die Geschichte mit deinen vielen lästigen und boshaften Nanoteufelchen kannst du dort auch in Ordnung bringen. Wann du deinen ursprünglichen Platz an der Seite der Göttlichkeit wieder einnehmen darfst, wird AL-OM all-ein entscheiden.“
Lucifer nickte wimmernd im Angesicht der Schönheit und Reinheit der göttlichen Liebe, die ihm die heiligen Damen entgegenbrachten. Dann humpelte er voller Demut auf seinen behuften Füßen, im Arm seines strahlenden Bruderengels Michael, zurück durch das Nebeltor. Die heiligen Frauen hörten noch lange das Klappern seiner Hufe und sein Schluchzen.

„Er wird sich wieder erholen“, meinte Margarete. „Es wird wohl ein paar tausend Lichtjahre brauchen, bis der Ruß und Gestank von ihm abfallen.“

„Nein, liebste Margarete, es gibt Neuigkeiten von oben. Davon hast du noch nicht erfahren, doch die heilige Göttlichkeit hat sich gegen das momentane Leiden von Mutter Erde etwas Schnelleres ausgedacht – Quantenheilung!“, flüsterte Barbara geheimnisvoll. Die junge Katharina stimmte ihr aufgeregt zu. „Ja, die Zeit der Reinigung und Erleuchtung für Gaia beginnt jetzt und … das Patriarchat geht dem Ende zu.“ Den letzten Satz fügte sie sichtlich bewegt hinzu.
„Ich habe allen Grund dazu, darüber glücklich zu sein.“ Tatsächlich hatte sie reinkarniert vor ein paar tausend Jahren ein großes Frauenschicksal auf Erden erlitten: Katharina von Alexandria nannte sich dort Hypatia und war eine griechische Philosophin und Astronomin. Doch ihr Wissen wurde ihr damals zum Verhängnis. Sie wurde von Christen ermordet, um dann wieder als die heilige Katharina, sinnigerweise als Märtyrerin des Christentums, verehrt zu werden. Ähnliche Fehlinterpretationen gab es bei allen drei Bethen. Umso mehr hofften sie, dass eine faire Verteilung der weiblichen und männlichen Kräfte auf der Erde ihre historischen Rollen wieder ins wahre Licht rücken würde. Mit der Reise vieler kleiner Lichtbringer würden die Kräfte auf Gaia hoffentlich wieder in eine Balance kommen.

DER KLEINE TONI

Marion konnte sich an diese Passage gar nicht mehr erinnern. Sie stellte sich aber lebhaft vor, wie gut diese Interpretation in die heutigen frauenbewegten Zeiten passen würde. Nachdenklich blätterte sie noch ein wenig weiter. Dann legte sie das Büchlein auf einen Stapel neuester Modezeitschriften, die sie für ihre jüngere Schwester Marga gesammelt hatte. Marga würde sich bestimmt über das wiedergefundene Buch aus ihrer Jugendzeit freuen. Marion lauschte den Tropfen in der Dachrinne. Das Geräusch wurde schwächer. Sie öffnete die Terrassentür und begutachtete den Horizont über die nassglänzenden Dächer der Nachbarhäuser hinweg. Das Wetter hatte sich, so schnell es gekommen war, schon fast wieder verzogen. Im Westen kämpften sich Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, während es im Osten noch stockfinster war. Es roch nach Sommer auf heißem Asphalt. Das Ziehen in Marions Unterleib nahm wieder zu, doch sie blendete diese Unpässlichkeit einfach aus, denn ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem wunderschönen Regenbogen, der sich jetzt über das Firmament spannte. Um dieses himmlische Schauspiel näher zu betrachten, lief sie ins erste Stockwerk auf den Balkon. Sie wurde belohnt. Nun erschien sogar ganz schwach ein Doppelregenbogen. Bereits als Mädchen hatte sie diese Himmelserscheinung geliebt. Auch jetzt erfüllte sie der Anblick mit kindlicher Freude.
„Das sind Engelrutschbahnen“, hatte ihre längst verstorbene Großmutter mal erzählt, „da rutschen die kleinen Seelchen auf die Erde herab.“ Sie hatte gerade heute den Eindruck, dass dieser Regenbogen besonders kräftig leuchtete.
„Den muss ich fotografieren“, murmelte sie und holte sich den Fotoapparat vom Schreibtisch ihres Mannes. Der Dachvorsprung versperrte ihr jedoch die volle Sicht. So schnell, wie es ihr mit ihrem Umfang möglich war, lief sie wieder die Treppe hinab. Sie hatte es eilig, auf die freie Gartenwiese zu kommen, bevor der Regenbogen verschwunden war. Solch ein Himmelsspektakel dauerte ja meist nicht ewig. Ihren Blick bereits fokussiert durch die Linse der Kamera lief sie hastig auf die Terrasse. Dabei passierte es. In einer Pfütze auf den glatten Steinfließen rutschte sie aus. Hart fiel ihr Kopf auf den Boden.

Marion erwachte erst wieder in einem Bett im Krankenhaus und sah in das besorgte Gesicht ihres Mannes. Ihr Kopf schmerzte. Benommen fasste sie sich an den Verband, den man ihr offensichtlich angelegt hatte. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich einigermaßen erinnern konnte. Sofort fasste sie auf ihren Bauch. Da war keine Kugel mehr, flach und schlapp konnte sie ihre Bauchdecke fühlen. Bevor sich jedoch Panik entwickeln konnte, hielt sie schon ein kleines, strampelndes Etwas im Arm.
„Unser Junge – ist er nicht schön!“, meinte Markus mit stolzer und zugleich besorgter Stimme.
„Oh“, flüsterte sie ergriffen, „ein Regenbogenkind!“

„Du kannst von Glück sagen, dass deine Hebamme offenbar den siebten Sinn hatte und euch beide noch lebend antraf. Er heißt übrigens Anton. Ich hoffe, das ist dir recht. Nachdem du wie tot auf der Terrasse lagst und keinen Mucks von dir gegeben hast, stand alles auf dem Spiel. Wir haben ihn hier vom Krankenhauspfarrer Toni nottaufen lassen – uns ist nichts anderes eingefallen …“, stammelte er verlegen.

Marion nickte. „Ist doch völlig wurscht! Ist er gesund?“

„Ja, das ist er wohl und trinkt schon fleißig aus dem Fläschchen.“ Mehr brauchte Marion Nunzius nicht wissen und so schlief sie, von den Schmerzmitteln noch benommen, wieder ein.

Marion erholte sich rasch und marschierte bereits 4 Monate nach diesem dramatischen Ereignis in die Firma. Als Juniorchefin konnte sie keinesfalls tatenlos zu Hause rumsitzen und nur Windeln wechseln. Die neue Winterkollektion gehörte entworfen, das Land befand sich im Aufschwung.

„Der Laden brummt, da kann ich nicht daheim Söckchen häkeln“, stoppte sie jede Kritik von ihrer Schwester Marga.

Für den kleinen Toni, wie er von allen genannt wurde, war trotz der überraschenden Geburt bereits alles geplant und eine Kinderfrau umsorgte ihn. Er wurde gewindelt und gesalbt und bekam stets pünktlich sein Fläschchen. Trotzdem war er ein unruhiges Baby und brüllte oft. Seine Mama war zu beschäftigt. Dafür trat nun sein Papa auf den Plan. Er versuchte, ihn mit ziemlich viel unsinnigem Kleinspielzeug und unzähligen Plüschtieren bei Laune zu halten.

Doch offensichtlich fehlte dem Kleinen etwas. Fremde Menschen ängstigten ihn und er fing an zu weinen. Doch sobald man ihn allein ließ, brabbelte er zufrieden vor sich hin.

„Ich weiß nicht, was der Junge hat“, sagte Markus zu seiner Frau. „Hoffentlich keinen geistigen Defekt? Er weint einfach grundlos und ist mit nichts zu trösten. Schau mal die ganzen Teddybären und Spielzeugautos an. Mag er nicht! Stattdessen schleppt er immer den alten hölzernen Weihnachtsengel mit sich rum. Das ist doch nicht normal!“

Diesen letzten Satz hörte der kleine Toni oft. Er versuchte zu ergründen, was das bedeutete – „normal“. Im Kindergarten fand er viele Vergleichsmöglichkeiten. Obwohl er viel lieber alleine gespielt hätte, beteiligte er sich ungeschickt an Bastelarbeiten und gemeinsamen Spielen. Er bemühte sich aus ganzen Kräften, in der Gemeinschaft zurechtzukommen. Ein Lichtblick für ihn war die kleine Brigitte, die wie er lieber hinter den Büschen saß und mit den Vögeln plauderte oder mit kleinen Blümchen – „nicht normal“, sagte er dann erfreut zu ihr.

Ein weiterer Lichtblick für ihn war Tante Marga. Sie schenkte ihm zu seinem fünften Geburtstag ein Pony, das er sehr liebte. Als er jedoch als ungeübter Reiter nach ein paar Wochen stürzte und sich eine harmlose Platzwunde am Kopf zuzog, verkauften seine besorgten Eltern das Tier, trotz seines heftigen Protestes. Nur ein längerer Ferienaufenthalt bei seiner geliebten Tante konnte ihn darüber hinweg trösten. Tante Marga galt als wunderlich. Sie war stets in der Weltgeschichte unterwegs, bereiste damals schon Amerika und Asien, was in den 60ern durchaus außergewöhnliche Ziele waren. Toni gefielen wohl auch ihre auffallend bunten Klamotten. Noch besser aber war: Sie konnte wunderbare Märchen erzählen und ganz besonders liebte er es, wenn sie ihm aus einem kleinen blauen Büchlein Geschichten vorlas. Außerdem ging sie oft mit ihm spazieren und ließ ihn ohne ständiges Rufen oder Maßregeln das tun, was er mochte. Er konnte sich nämlich ganz hervorragend alleine beschäftigen. Stundenlang saß er dann im nahen Wäldchen an einem Bach und spielte mit selbstgebastelten Rindenschiffchen große Welt. Dabei erzählte er den Bäumen und Steinen seine Geschichten. Auch das fanden seine Eltern alles andere als normal und schalten ihn dafür. „Geh doch mal mit anderen Kindern spielen.“ Toni wollte das nicht wirklich, doch um die besorgten Mienen seiner Eltern aufzuheitern, schaute er sich mehr und mehr bei den anderen ab, was als „normal“ galt. Wenn ihm das gelang, wurde er von der Kindergartentante über den Kopf gestreichelt oder gelobt. Schnell fand er heraus, wie man Aufmerksamkeit erhaschte. Und bald galt er zur Zufriedenheit seiner Eltern als aufgeweckter Junge. Doch wie sein Vater meinte, immer noch mit merkwürdigen Gewohnheiten. Toni sprach nachts in seinen Träumen. Immer wieder kam da eine Emma vor. Jemand mit diesem Namen gab es in der ganzen Familie Nunzius nicht. Toni lernte schnell, sich bereits in diesem Alter anzupassen. Außer Masern, einer gelegentlichen Schnupfnase und den üblichen Knieschrammen verlief seine frühe Kindheit behütet. Irgendwann erzählte ihm seine kleine Kindergartenfreundin Brigitte von ihrem guten Schutzengel. Toni war ganz Ohr und betete von diesem Tag an jeden Abend zu ihm. Engelbilder oder Putten in den Kirchen zogen ihn magisch an und auf den meisten seiner selbstgemalten Bilder war immer irgendwo ein geflügeltes Wesen zu sehen. Selbst als er in die Schule kam, hielt er an seinem Glauben an die Himmelsboten fest. Als aber während eines Schullandheimaufenthalts ein Klassenkamerad mitbekam, wie Toni am Abend seinen Schutzengel anrief, wurde er schnell zum Gespött.
„Ah, der Prophet! Was hat dir denn der Heilige Geist heute verraten?“, waren die harmlosesten der Neckereien. Als man ihn dann auch noch „weibisch“ nannte, war es vorbei mit seiner angeborenen Sanftheit. Von diesen Tagen an betete Toni nicht mehr.
Bald gerieten die Engel in Vergessenheit und es kamen harte Zeiten auf ihn zu: Gemäß dem Wunsch seines Vaters sollte er sich nicht von den anderen Jungs unterscheiden. Er musste Fußball spielen, Kämpfe auf dem Pausenhof gewinnen und immer den neuesten Kinofilm gesehen haben. Sportlich war er ein Ass und trainierte sich mit viel Ehrgeiz einige Muskeln an. Aufgrund dieser körperlichen Stärke und auch seiner schnellen Auffassungsgabe galt er bald in seiner Gang als ‚Chief‘, so nannte ihn seine Gang. Ständig musste er seine Rolle mit aufschneiderischen Sprüchen und notfalls mit Muskelkraft behaupten. Innerlich fühlte er sich allerdings einsam und unglücklich. Manchmal hätte er wegen dieser inneren Zerrissenheit am liebsten geheult. Das ging aber nicht, denn das wäre für einen ‚Chief‘ keinesfalls „normal“ gewesen.

ANTON UND ELLEN

Die Jahre vergingen und aus Toni wurde Anton. Er lebte normgerecht und ziemlich erfolgreich in einer Welt ohne Schutzengel. Auch die Religionen dieser Erde konnten ihn nicht erreichen. Glaube war für ihn ein Fremdwort. Das Einzige, was nun für ihn zählte, war höher, schneller, weiter. Er war überzeugt, dass alles Gute seinem Geschick zu verdanken war. Lief etwas schief, dann suchte er die Schuld stets bei den anderen. In seinem tiefsten Herzen fühlte er sich oft einsam und leer. Doch die Gier nach Erfolg, privat wie auch beruflich, füllte diese Lücke meist gut aus. Jahrelang sehnte er sich nach einer passenden Partnerin. Seine Eltern neckten ihn und nannten ihn den „ewigen Junggesellen“. Doch Antons Herz wollte einfach nicht in Wallung geraten. Er führte so manch schickes Mädchen aus, hatte auch mehrere Freundinnen. Doch das war mehr der sexuelle Trieb denn irgendeine Resonanz, die er unter dem Begriff Liebe verstand. Liebe, so wie er sie von seinen Eltern kannte. Sein Vater brachte oftmals noch nach 30 Ehejahren einen Rosenstrauß auch ohne besonderen Anlass nach Hause. Selbst im Alter merkte man Marion und Markus Nunzius immer noch eine respektvolle tiefe Zuneigung an. Anton konnte nicht ergründen, weshalb ihm diese liebevolle Herzlichkeit fehlte. Er war bereits Mitte dreißig, als er wieder zu seiner ersten Liebe fand. Brigitte, seine ehemalige Sandkastengefährtin. Sie heirateten ein halbes Jahr später und alle sprachen von einem Traumpaar. Doch bereits nach den ersten leidenschaftlichen Monaten fühlte er wieder diese gewisse Distanz in seinem Herzen. Das tiefe Gefühl der uneingeschränkten Liebe erfuhr er erst, als er seine Tochter Ellen im Arm hielt. Beim Blick in ihr Gesichtchen erkannte er seine Züge wieder. Ein faszinierender Anblick – ein kleiner Mensch aus Fleisch und Blut, der auch durch ihn entstanden war. Mit seinem Töchterchen entdeckte er, wie tief Liebe sein kann. Wenn sie vertrauensselig ihr Patschehändchen in seine Hand legte oder sich in späteren Jahren in vollem Lauf in seine Arme warf.
„Papili, mein liebes Papili!“, rief sie dabei schon von Weitem und sein Herz schmolz. Nach diesem Gefühl war er immer auf der Suche gewesen. Diese bedingungslose Zuneigung berührte ihn tief. Annähernd kannte er es nur von seiner Tante Marga, wenn sie ihn als kleinen Jungen hochgenommen und ihm einen dicken Schmatz in größter Zartheit auf die Stirn gegeben hatte:
„Ich küsse den Engel in dir, mein kleiner Engel!“, hatte sie dabei immer gesagt. Diesen Spruch hatte er nun für „seine Elli“ übernommen.

Von außen betrachtet lebte die kleine Familie Nunzius in einem gewissen Wohlstand. Sie besaßen ein repräsentatives Haus in einer der besseren Wohnlagen. Brigitte führte eine gutgehende Boutique in der gewinnträchtigsten Einkaufsstraße der Stadt. Der Laden war noch ein Erbteil von Antons inzwischen verstorbenen Eltern. Elli war eine vielversprechende Schülerin mit guten Noten und wurde von vielen wegen ihres sozialen Engagements geschätzt. Anton war inzwischen zum Stadtrat berufen. Er hatte den Posten vorerst aus rein ideellen Gründen angestrebt, wollte für seine Heimatstadt, die grenznah am Rande der Republik lag, eine bessere Infrastruktur aufbauen, um damit den erhofften Aufschwung zu bringen. Obwohl er nicht so ganz hinter den konservativen Zielen seiner Partei stand, nutzte er ihr Netzwerk für seine politische Karriere. Die etablierte Partei hatte genug Geld für Hochglanz-Poster, attraktive Wahlveranstaltungen und beträchtlichen Einfluss auf die lokale Medienlandschaft. Anton war klar, dass dies die halbe Miete für seinen Erfolg sein würde. Mit Enthusiasmus und Geschick verkaufte er seine Vorstellungen von guter Stadtpolitik an die Wähler. Für eine kurze Zeit glaubte er tatsächlich an das, was er versprach: Belebung der Altstadt, ein attraktives Kulturprogramm, Förderung von Naherholungsgebieten und Biotopen. Ein Jahr brauchte er, um zu begreifen, dass er mit diesen hehren Zielen nicht weiterkommen würde. Zuerst war er von seinen sogenannten Parteifreunden bitter enttäuscht. Sie hatten ihn vor der Wahl genau mit diesen Themen unterstützt. Doch hinter verschlossenen Türen klang das anders. Sie folgten dem Diktat der Wirtschaft. Da gab es Abmachungen, die das Gegenteil der in der Öffentlichkeit propagierten Wahlversprechen waren. Doch Anton war seit jeher anpassungsfähig. Er wollte nach oben. Seine Wandlung konnte er vorerst geschickt mit rhetorischer Diplomatie verbergen. Nach erfolgreicher Wahl fielen ihm zunächst die plötzlichen Zuwendungen diverser Geschäftsleute gar nicht auf. Mal eine Kiste Wein, Einladungen zum Essen, Freikarten fürs Theater oder ein kostenloses Wochenende in einem Wellnesshotel. Er dachte, es wäre ein Goutieren seiner Arbeit. Erst als sein ehemaliger Schulkamerad und entfernter Freund, Peter Finnes, die ganze Familie Nunzius für eine Woche in seine Luxusvilla auf Ibiza einlud und es bei den abendlichen Weingelagen früher oder später immer um den Bau eines Industriegebiets ging, war ihm der Grund der großzügigen Einladung klar. Nach kürzester Zeit hatte er sich ohne schlechtes Gewissen an die opulenten Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke seiner sogenannten Freunde und Geschäftspartner gewöhnt. Da es alle anderen in seiner Fraktion genauso hielten, fand auch er nichts Unrechtes dabei. Am Ende brauchte er es sich gar nicht mehr einreden, dass er für den Aufschwung und das Wohl der Bürger handelte, wenn er sich für das geplante Industriegebiet inklusive Discounter und Großmarkt einsetzen würde. Aus tiefster Überzeugung glaubte er es schließlich selbst. Zeitungsberichte zu seiner Person, wie etwa „Vom Paulus zum Saulus“, ließ er von einem befreundeten Anwalt mit Gegendarstellungen im Keim ersticken. Er saß fest im Sattel und er würde dieses Industriegebiet am Klöppelbach bei Neuperlstadt durchsetzen, koste es, was es wolle.
So blickte er ziemlich gelassen der morgigen Abschlusssitzung zu dem Thema entgegen. Er war sich der Mehrheit für eine Genehmigung des Baus sicher. Den Bürgermeister hatte er von Beginn an auf seiner Seite. Ellen, seiner Tochter, würde das natürlich gar nicht gefallen.
Mit diesem Plan hatte seine Elli ein Problem. Sie war seit letztem Jahr zur Leiterin einer Jugendgruppe gewählt worden, die sich für den Tierschutz stark machte. Diese Gruppe war zusammen mit dem Naturschutzbund erbittertster Gegner seiner Pläne. Erst letzte Woche hatte er mit Ellen diesbezüglich eine heftige Diskussion gehabt:
„Papili, weißt du überhaupt, wie wichtig dieses Biotop ist? Das ist unsere Forschungsstelle für die Zählung von vielen seltenen Tieren, und auch wenn sie nicht selten sind, so ist es wunderschön, zwischen Zitronenfaltern, Taubenschwänzchen und Libellen zu spazieren. Für die Neuperlstädter Kinder in ihren Hochhäusern ist das eine wichtige Ausgleichsfläche im Grünen. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie du dich verdreht hast! Du hast doch genau damit als Naherholungsgebiet geworben!?“
Sie schaute ihn fragend und mit einer stummen Anklage in ihren braunen Rehaugen an und zuckte dann resignierend mit den Schultern:
„Ist mir schon klar, es geht wie immer um Kohle. Doch was das Allerletzte ist, dass du diesen Tierquäler Finnes mit seiner Geflügelfarm unterstützen willst. Wir haben doch gemeinsam die Reportage gesehen, wie er mit seinen Hühnern umgeht!“

„Nun, da ist schon auch die dramatische Panikmache der Presse schuld!“, wiegelte Anton ab. „Außerdem können diese Aufnahmen von ganz woanders her stammen. Die Journalistin, die das verbrochen hat, hat jedenfalls keinen Job mehr. Das sagt doch wohl alles“, entgegnete er sichtlich genervt.

„Ach, ist das simpel!“, konterte Ellen aufgebracht. „Das sagt gar nichts, höchstens über eure Machenschaften – patriarchales Netzwerk nenn ich das. Diese Reporterin war einfach mutig. Das Video wurde heimlich von ihr gedreht. Hier, schau es dir nur an, du kennst ja den Stall von Peter Finnes recht gut, bist doch schließlich sein Freund, was immer das heißt!“
Und dann hielt sie ihm auf ihrem Tablet zum wiederholten Mal das Youtube-Video vor die Nase. Die Szenen waren schwer anzuschauen, obwohl das Material ziemlich verwackelt war. Trotzdem konnte jeder erahnen, was da abging. Haarsträubende Aufnahmen von auf engstem Raum zusammengepferchten Tieren, Kadavern in vergammelten Ecken und Mitarbeitern, die die verängstigten Hühner und Gänse brutal misshandelten. Auch Anton hatten diese Bilder ins Mark getroffen. Innerlich gab er seiner Tochter vollkommen recht. Doch offen konnte er das nicht zugeben und so wischte er ihre Argumente beiseite.

„Kind, wir brauchen Arbeitsplätze. Deswegen wählen mich die Leute, nicht wegen des Erhalts einer Naturpfütze. Ich verdiene mein Geld unter anderem durch Unternehmer wie Peter. Meinst du, wir könnten uns dein eigenes Pferd, dein eigenes ausgebautes Dachstudio und deine schweineteuren Bioklamotten leisten?“, erwiderte er aufgebracht.

Schon beim Aussprechen des Satzes fühlte er die Ambivalenz in sich, als er dem verständnislosen Blick seiner Tochter begegnete, auch wenn er stolz auf ihr Tun war. Mit ihren fast 18 Jahren hatte sie mit konsequentem Engagement viele Stunden ihrer Freizeit dem Natur- und Tierschutz gewidmet. Doch für Anton war sie eben immer noch ein wohlbehütetes Kind, das vom wahren Leben keine Ahnung hatte. Er dagegen als Politiker musste mit seinen Entscheidungen nicht nur Geld, sondern auch Wählerstimmen sammeln. Nur allein mit Gut-Mensch-Gefasel war es da nicht getan, so seine Meinung.

NOTRUF

Es war ein grauer Herbsttag, kühl, trüb, mit ununterbrochenem Nieselregen. Anton saß mit der gesamten Stadtratsfraktion in der heikelsten Phase einer Abstimmungsbesprechung. Er hatte ein, wie er fand, gelungenes Plädoyer zu dem Bauvorhaben des Industriegebietes am Klöppelbach abgeliefert. Nun saß er entspannt und siegesgewiss da und blickte zufrieden in die Runde. Er schmückte sich in Gedanken bereits aus, wie er seinem Freund Peter Finnes die frohe Botschaft des Baubeginns übermitteln würde. Peter hatte Brigitte und ihn, so wie all die Jahre zuvor, zu Silvester in eine Nobelherberge nach Sylt eingeladen. Da wäre eine solch gute Nachricht eine gute Gelegenheit, sich zu revanchieren. Anton schwelgte bereits in Vorfreude.
Entgegen sonstiger Gewohnheit bei diesen nicht öffentlichen Abstimmungen kam plötzlich seine Sekretärin herein und reichte ihm mit wichtiger Miene einen Zettel:
„Bitte gleich zu Hause anrufen – DRINGEND!“, stand da.
Er nickte, dachte sich aber, das hätte Zeit bis nach der Abstimmung. Als Frau Wimmer aber nach fünf Minuten wieder hereinlugte und ihm Zeichen machte zu telefonieren, ging er ihr missmutig hinterher.
„Was ist denn?“, raunte er.
Frau Wimmer schaute besorgt: „Ihre Frau rief schon zweimal aus dem Krankenhaus an – ist wohl wegen der Tochter. Sie sollen sie gleich auf dem Handy anrufen!“
Anton hörte nur „Tochter, Krankenhaus“ und fühlte plötzlich, als hätte man ihm eine Faust in den Magen gerammt. Sofort erinnerte er sich an den heutigen Morgen, wie ein Film im Suchdurchlauf sah er die Szene vor sich. Elli hatte ihn auf die schmeichelnde Katzenart einer 17-Jährigen am Frühstückstisch umgarnt:
„ Ach Papili“, es ist so scheußlich draußen und schon so spät, fährst du mich in die Schule?“
Er hatte das schroff abgelehnt. Erstens duldete er bei der Morgenzeitung keine Störung, zudem wollte er sich noch ein paar Argumente für die heute bevorstehende Sitzung einfallen lassen und sich vor allem auf keine nervtötende Diskussion mit ihr einlassen. So ließ er Ellen mit ihrem Problem, möglicherweise pitschnass in die Schule zu kommen, wörtlich im Regen stehen. Danach hatte er mehr als ein schlechtes Gewissen, als er im Auto unterwegs war. Er begriff, dass eine Fahrt mit dem Rad wohl wahrlich kein Vergnügen war und möglicherweise sogar ein wenig gefährlich, denn es war um diese Zeit noch ziemlich finster gewesen. Da er aber mit seinen ganzen Gedanken bei seinem Plädoyer gewesen war, hatte er diesen Gedanken nicht wirklich eine Bedeutung beigemessen. Doch nun war er aus einem inneren Gefühl heraus alarmiert. Hektisch wählte er Brigittes Handynummer: „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.“
Das machte ihn noch nervöser. Ungehalten herrschte er seine Sekretärin an:
„Von welchem Krankenhaus rief sie an? Sagte sie noch irgendwas?“
Frau Wimmer schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern: „Leider nichts dergleichen, ich habe keine Ahnung, von wo aus Ihre Frau anrief.“

Anton rannte aufgebracht in sein Büro und wählte dort seine Festnetznummer. Es war Dienstag und wenn er Glück hatte, war Frau Seidel, ihre langjährige Reinigungsfrau, im Haus.
„Bei Nunzius!“, meldete sich jemand. Gottlob, sie war da und konnte ihm auch gleich etwas mehr erzählen.
„Radunfall am Burgring“, erklärte sie nüchtern. „Elli ist ins Magdalenen-Krankenhaus eingeliefert worden. Mehr weiß ich nicht.“
Anton war höchst beunruhigt. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, er bekam Gänsehaut. Solche Anzeichen von Panik waren ihm bisher fremd. Hastig schlüpfte er in seinen Lodenmantel, der ihn jedoch im Augenblick nicht wärmte. Er zitterte und durchsuchte seine Taschen. Wo war nur der Autoschlüssel abgeblieben? Er fand sich schließlich in seinem Aktenkoffer. Doch wo war nun sein Handy? Er rauschte zurück in den Besprechungsraum, wo ihn entgeisterte Blicke trafen.
„Tschuldigung, ein Unfall, meine Tochter … im Krankenhaus. Ihr macht bitte ohne mich weiter.“
„Aber ohne dich können wir nicht abstimmen!“, raunte der Bürgermeister.
„Ich kann jetzt nicht“, schrie er, schnappte sich sein Handy vom Besprechungstisch, stürmte aus dem Saal und hechtete die Treppen runter. Er spurtete über den großen Parkplatz. Er parkte stets absichtlich am anderen Ende, um vor oder nach langen Sitzungen wenigstens etwas frische Luft zu tanken. Heute kamen ihm die paar hundert Meter endlos vor. Dank seiner Sportlichkeit legte er auf seinen lederbesohlten Schuhen einen wahren Sprint hin und versuchte unterwegs noch mal Brigitte zu erreichen. Dabei kam er auf dem mit nassem Laub bedeckten Steinpflaster ins Schlittern und konnte sich gerade noch mit rudernden Armen abfangen. Diese Schrecksekunde gebot ihm Einhalt. Völlig außer Atem ging er die letzten Meter zu seinem Auto, nach wie vor mit dem Handy am Ohr. Weshalb ging Brigitte nicht ran? Ein letzter Versuch. Seine Hände zitterten, als er die Nummer wählte, doch diesmal hatte er Glück:
„Toni, Gott sei Dank rufst du an, bitte komm schnell. Elli hatte einen Unfall.“ Brigitte schluchzte auf.
„Was ist mit ihr?“, herrschte er sie voller Sorge an.
„Weiß ich doch auch nicht. Es war ein Radunfall, sie soll gleich operiert werden. Bin hier in der Notaufnahme im Magdalenenstift“, erwiderte sie weinend.

INTENSIV

Anton brauste wie ein Wilder hupend und blinkend durch die Straßen. Das Magdalenenstift lag im Außenbezirk. Obwohl er ganz Perlstadt durchqueren musste, erreichte er nach einer Viertelstunde den Parkplatz des Krankenhauses. Als er durch die Glastür der Notaufnahme schritt, kauerte Brigitte wie ein Häuflein Elend in der Ecke. Eine Krankenschwester sprach auf sie ein. Anton stürzte auf sie zu. Brigitte fiel ihm in die Arme.
„Oh Gott, oh Gott! Elli, es ist so furchtbar?“, stammelte sie heulend.
Die Krankenschwester erklärte Anton mit bekümmerter Miene die Sachlage. Brigitte, am Ende ihrer Fassung, war dazu nicht mehr in der Lage. Ellen war mit ihrem Rad von einem Lkw erfasst worden. Sie war jetzt im OP und man könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nichts zu ihren Verletzungen sagen. Die Erstversorgung und Stabilisierung ihres Zustands würden bestimmt noch dauern. Die Schwester versprach, dass sich danach der Chefarzt sofort mit ihnen in Verbindung setzen würde. Anton wurden bei dieser Beschreibung die Knie weich. Er setzte sich mit Brigitte auf das Sofa im Wartebereich. Er sank förmlich in die weichen Kissen. Gähnende Leere breitete sich in ihm aus. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, so packte ihn das Entsetzen. Apathisch und verwirrt versuchte er zu begreifen, was mit ihm gerade geschah. Gerade vorher war er noch auf 180 und nun konnte er plötzlich nur noch mühsam seine Augen aufhalten. Seine Elli möglicherweise schwer verletzt. Mit seiner hypernervösen Frau neben sich, kauerte er völlig abwesend im Warteraum. Brigitte sprang fast jede Minute auf und fragte die Schwester nach dem Arzt. Schließlich wurden sie von einer Pflegerin ein Stockwerk höher in den Intensivbereich Station 3 begleitet. Der Warteraum war für ein Krankenhaus ungewöhnlich gestaltet. Cremefarbene Sessel und Sofas, geschmackvoll gerahmte Naturfotografien, sanftes Licht aus Flutern. Brigitte fiel dieses für eine Intensivstation unerwartete Interieur sofort auf, auch wenn sie momentan andere Gedanken plagten. Für sie und Anton dauerte es fast wie eine Ewigkeit, als sich nach zwanzig Minuten ein Mann im weißen Arztmantel mit eiligen Schritten näherte.
„Familie Nunzius?“, blickte er fragend. Nachdem nur sie beide allein im Wartezimmer der Notaufnahme waren, erübrigte sich diese Frage und so kam er gleich zur Sache:
„Tut mir leid, ich kann noch nichts Konkretes sagen. Ihre Tochter hat durch den Aufprall auf die Straße schwere Kopfverletzungen. Wir mussten sie wiederbeleben. Glauben Sie mir, wir tun, was wir können…, doch...“, dabei blickte er fast entschuldigend zu Boden, „momentan können wir wenig machen. Wir müssen warten, bis die Schwellungen am Gehirn zurückgehen.“ Anton und Brigitte blickten ihn geschockt an.
„Am besten Sie fahren erst mal wieder nach Hause. Das wäre wirklich das Beste. Sie können hier nichts tun. Wir melden uns telefonisch, wenn sich der Zustand ändert.“
Als er in die angstvollen Gesichter der Eltern schaute, fügte er hinzu:
„Wenn Sie möchten, können Sie natürlich hier im Intensivbereich warten. Doch ich kann Sie momentan nicht zu Ihrer Tochter lassen. Wir machen gerade Hirnstrommessungen, um sicherzugehen, dass sich keine Blutgerinnsel bilden. Um ein einigermaßen verlässliches Ergebnis zu haben, dauert das ein paar Stunden.“
Anton nickte beklommen. Bevor er antworten konnte, ertönte hinter ihnen lautes Jammern. Eine fremdländisch aussehende Gruppe mit drei jungen Männern und zwei älteren Frauen, die die Hände in die Luft streckten und dabei fremde, klagende Laute von sich gaben, betrat den Raum. Ein älterer Herr mit sorgenvoller Miene folgte nach. Einer der Männer rannte sofort auf den Arzt zu.

„Doktor, unsere Schwester, wo ist sie? Saba Arslan … dürfen wir zu ihr?“, fragte er in perfektem Deutsch. Voller Aufregung fuhr er sich dabei ständig mit den Fingern durch die gegelten pechschwarzen Haare, die sich trotz des öligen Gels widerspenstig auf seiner Stirn kringelten. Der Chefarzt schüttelte den Kopf und verwies ihn höflich an die Schwester am Pult vor der Glastür. Der Rest der exotischen Familie ließ sich in dem einladenden Warteraum nieder. Das laute Jammern der zwei Frauen verbreitete eine eigentümliche Stimmung.
Trotz ihres Schockzustands schüttelte Brigitte missbilligend den Kopf:
„Die haben mir gerade noch gefehlt“, flüsterte sie Anton zu.
Auch Anton war von dieser jammervollen Art der Störung irritiert, doch kam ihm der Singsang der zwei schwarz gekleideten Frauen irgendwie beruhigend vor.
„Allah, Allah“, seufzten die beiden im Chor, wippten dabei ständig mit ihren Oberkörpern und murmelten arabische Worte. Brigitte rollte mit den Augen. Auch die Aufnahmeschwester, die gerade dem jungen Mann Auskunft gab, machte den beiden mit der Hand ein Zeichen, ruhiger zu sein, allerdings erfolglos. Noch lauter wurde es dann, als der Wortführer der Gruppe den anderen die Lage mitteilte. Ein lebendiges Kauderwelsch aus Arabisch und Deutsch beherrschte den Raum. Es war etwas von Sauerstoffmangel und Koma zu hören.
Brigitte packte Anton am Ärmel:
„Bitte lass uns nach Hause fahren! Ich will in diesem Getöse nicht warten, das regt mich auf mit diesen Kopftuchtanten“, bemerkte sie abfällig. Anton nickte, obgleich er Brigittes Reaktion nicht verstand. Er hinterließ an der Aufnahme seine Handynummer. Unfähig, ihrem Leid Worte zu geben, fuhren sie in erstarrtem Schweigen heim, so als ob jegliche Hoffnung gestorben war. Anton fühlte ein innere Leere, die sich wie ein riesiges schwarzes Loch in seiner Magengrube ausbreitete. Obwohl er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, war er kaum in der Verfassung, etwas von Brigittes fix hergerichteter Brotzeit zu sich zu nehmen. Wie gelähmt saßen beide vor ihren Tellern. Erst viel später kam Anton die Idee, im Rathaus Bescheid zu sagen.
„Weiß noch nicht, wie das hier weitergeht, Andreas, bitte übernimm du meine morgigen Termine“, bat er seinen verdutzten Mitarbeiter, der ihn nach der morgigen Präsentation gefragt hatte. Dann legte er einfach auf. Entgegen seines sonstigen Pflichtgefühls war es ihm jetzt völlig egal, wann über sein Projekt abgestimmt werden würde oder wer den bereits zugesagten Pressetermin wahrnehmen sollte. Er war in Gedanken nur bei seiner Tochter und diese Gedanken legten sich ihm schwer auf die Brust. Er erinnerte sich nicht, sich jemals so hilflos gefühlt zu haben. Brigitte hatte schon zum zweiten Mal im Krankenhaus angerufen und nur erfahren, dass Ellen auf der Intensivstation noch behandelt wurde. Frühestens in zwei Stunden, so die Schwester, wäre ein Besuch möglich. Mit einer Decke unter dem Arm und einer Tasche mit einigen Utensilien für ihre Tochter machten sich die beiden dann in der frühen Abenddämmerung wieder auf den Weg ins Magdalenenstift. Anton hatte sich ein wenig gefangen und versuchte, Brigitte mit optimistischen Prognosen zu beruhigen.
„Sie ist doch jung, der Körper noch im Aufbau, da erholt man sich schnell. Und sie war ja noch nie wirklich ernsthaft krank …“ Brigitte nickte apathisch und nicht wirklich überzeugt.

Die Besucher im Wartezimmer hatten sich inzwischen vermehrt. Ein Paar saß ruhig und sich an den Händen haltend da. Zu ihnen gehörte ein kleines blondes Mädchen. Es saß in einer eigens eingerichteten Spielecke und blätterte in einem Büchlein. Leise brabbelte sie vor sich hin. Auf einem der Sofas hatte sich eine ältere Dame platziert. Sie trug trotz der angenehm warmen Zimmertemperatur eine schwarze Persianerjacke, dazu ein passendes Hütchen und blankpolierte Lackschuhe. Sie wirkte ein wenig wie eine Grande Dame aus einem alten Schwarzweißfilm. Die lebhafte Gruppe von vorhin war inzwischen auf die beiden Frauen geschrumpft. Leise flüsterten sie miteinander. Sie saßen kauend vor einer Schale mit Süßigkeiten, die sie freigiebig immer wieder mit einem auffordernden Nicken in der Runde anboten. Auch Brigitte hatte sich inzwischen mit ihrer abwehrenden Haltung gegenüber den fremdländischen Frauen beruhigt. Sie schaffte es sogar, zurückzulächeln. Sie und Anton hatten vorhin am Aufnahmedesk von dem jungen Mann mit den orientalischen Gesichtszügen erfahren, dass dies sein Familienbesuch aus dem Oman war. Thomas Schmid war sein so ganz und gar deutscher Name. Das Resultat einer Liebesbeziehung zwischen einer Ostberlinerin und einem Omanen vor 20 Jahren, wie er bei seiner Vorstellung süffisant bemerkte. Er und seine arabische Familie waren in Sorge um seine Schwester Saba. Auch sie lag im Koma auf dieser Station, unweit von Elli.
So bunt diese Gesellschaft auch war, der besorgte Ausdruck in ihren Gesichtern konnte nicht über den wahren Grund ihres Wartens hinwegtäuschen. Das gemeinsame Schicksal, die Sorge um einen Angehörigen, verband sie auf eine berührende Weise und ihre Blicke begegneten sich mit rücksichtsvollem Respekt oder einem traurigen Lächeln.

Das lange Warten war für Anton und Brigitte eine ungewohnte Disziplin. In Erwartung der schlimmsten Nachrichten wippte Brigitte mit angespanntem Oberkörper auf und ab. Anton erkundigte sich inzwischen zum wiederholten Male bei der Aufnahmeschwester. Nach endlosen eineinhalb Stunden wurde ihnen gestattet, ihre Tochter zu sehen.

Eine freundliche, in grün gekleidete Stationsschwester holte sie ab. Sie begleitete sie hinter die gesicherte Glastür und führte sie in eine Art Umkleideraum. Dort erhielten sie grüne, keimfreie Kittel und Plastiküberzieher für die Schuhe.
„Reine Vorsichtsmaßnahme“, sagte die Schwester. „Die Leut‘ sterbn heut‘ net unbedingt durch des, weshalb sie hier reinkommen. Wissen’s ja eh aus der Presse: Infektionen durch Keime, also bitte, auch wenn’s lästig ist, immer hier umziehen.“ Dann führte sie die beiden in ein intensivstationäres Zimmer mit noch drei anderen Betten, die hinter großen weißen Paravents mit hübschen Schmetterlingssilhouetten, abgeschirmt waren. Nur das monotone Piepsen der Herzfrequenzmessung ließ ahnen, dass es hinter jeder einzelnen dieser Sichtschutzabtrennungen um Leben oder Tod ging. Wenn man überhaupt von den Patienten im Vorbeigehen etwas sah, waren das mit grünen Laken bedeckte Körper, die mit allerlei Schläuchen und Gerätschaften verbunden waren – Herz-Lungen-Maschinen, Beatmungsgeräte, Kathederbeutel – kein schöner Anblick. Ganz hinten am Fenster lag Ellen. Sie hatte einen Verband um ihren Kopf. Ihre roten Locken hatte man zur besseren Versorgung teils wegrasiert. Außer einem blau unterlaufenen Auge war ihr Gesicht blass und wächsern. Durch die trockenen Lippen führte der Beatmungsschlauch in ihren Mund, sodass sich die Brust auf beruhigend gleichmäßige Weise hob und senkte. Sie wirkte so zerbrechlich.
Anton und Brigitte durften eine halbe Stunde bei ihrer Elli bleiben. Sie war in ein künstliches Koma versetzt worden. Alle paar Minuten kam ein Pfleger oder eine Schwester herein, um die medizinischen Maschinen zu überprüfen. Voll Sorge stand Anton mit der weinenden Brigitte am Bett. Jedem der beiden gingen fast die gleichen Gedanken durch den Kopf. Würde Elli je wieder aufwachen? Sie hatte ansonsten keine anderen sichtbaren Verletzungen, doch das beunruhigte am meisten. Gefahr eines Blutgerinnsels im Gehirn, hatte man ihnen gesagt. Eine lebensbedrohliche Prognose, das wussten sie. Mit diesem Gefühl der Machtlosigkeit, der Leere, der Sorge und Angst standen sie wie Salzsäulen da. Sie trauten sich nicht, ihr Kind zu berühren. Als ein auffällig blinkendes und surrendes Lämpchen an den Apparaturen einen Pfleger alarmierte, wurden sie hinausgebeten.
„Tut mir leid, kein Grund zur Besorgnis – wir müssen die Transfusion wechseln.“ Er schaute sie bedauernd an und gab ihnen die Hand.
„Ich bin übrigens der Michael. Sie dürfen Ihre Tochter schon berühren. Streicheleinheiten sind nie verkehrt, Sie müssen halt nur auf die Schläuche achtgeben. Fürs nächste Mal.“
Anton strich Elli beim Gehen über die Hand. Als sie im Umkleideraum ihre Schutzkittel auszogen, war gerade die Dame mit der Pelzjacke beschäftigt, in eine der grünen, keimfreien Hüllen zu schlüpfen.
„Frau Blaustein, vielleicht ziehen Sie doch besser die Jacke aus“, meinte Michael amüsiert. „Oh Boy, oh boy“, schnaufte sie, was eher amerikanisch klang, um gleich darauf zu berlinern: „Wissen Se, junger Mann, wat die jekostet hat? Nee, so’n wertvolles Stück, dat will ick nich hier lassen.“

„Liebe Frau Blaustein, hier hinten gibt es Kleiderschränke mit Schlüssel, da können Sie alles einschließen und ich kann mich ja als Jacketguard davor stellen,“ beruhigte sie der schmunzelnde Pfleger.
„Oh Darling, you’re sweet. Jacketguard, dat is doch mal wat Neues“, gab sie kichernd zurück. Letztendlich sah sie ein, dass sie mit der sperrigen Jacke unmöglich in den Kittel passte, denn ihr standen bereits jetzt die Schweißperlen auf der Stirn.

Anton und Brigitte wurde von einer Stationsschwester mit östlichem Akzent erklärt, dass sie noch nicht gehen müssten. Wenn Ellen neu verbunden und die Übergabe an die Nachtschwester erfolgt sei, könnten sie noch mal zu ihr. Sie waren damit einverstanden und begaben sich einstweilen zurück in den Warteraum. Das Paar mit dem kleinen Mädchen stand davor, im Gespräch mit einem Arzt. Die Frau kam auf Brigitte zu.
„Entschuldigen Sie, wir dürfen gerade einen Moment zu meinem Sohn ans Bett, möchten aber meine Kleine hierlassen. Hätten Sie Zeit? Wären Sie wohl so nett, für einen Moment auf sie aufzupassen?“, fragte sie bittend und fügte beruhigend hinzu: „Larissa beschäftigt sich normalerweise gern allein. Sie liest brav oder malt und macht eigentlich keine Probleme. Es wäre mir wichtig. Mein Bruder …“, sie deutete auf ihren Begleiter, „ist nur noch heute zu Besuch. Und er möchte gerne noch mal seinen Neffen sehen.“
Brigitte hatte die Bittstellerin vorhin schon aus den Augenwinkeln eingehend studiert. Sie sah zwar durch ihr drahtiges Auftreten wie eine flotte Dreißigjährige aus, doch ihr langer, dunkelblonder Zopf war schon mit einigen grauen Haaren durchzogen. Ihre sportliche, tadellose Figur passte gut in die enge Jeans und zu der naturfarbenen, feinbestickten Indienbluse. Doch ihr attraktives Dekolleté verriet Brigitte, dass sie wohl die vierzig bereits überschritten hatte. Das war Brigittes Stärke, die sie als geschätzte Beraterin in ihrer Modeboutique auszeichnete. So richtete sich auch jetzt ihr Augenmerk auf Äußerlichkeiten und noch bevor sie auf die höfliche Frage der Bittstellerin antworten konnte, meldete sich Anton zu Wort:
„Selbstverständlich passen wir einstweilen auf Ihre Tochter auf. Gehen Sie nur mit Ihrem Bruder zu Ihrem Sohn. Ich lese der Kleinen etwas vor, wir müssen momentan eh warten.“
Und schon saß er zum Erstaunen seiner Frau mit dem Kind auf der bequemen Couch. Larissa fasste sofort Vertrauen zu ihm. Glücklich lispelte sie durch ihre breite Zahnlücke:
„Fein, Onkel, bitte lies was vom Lucklachengel vor, oh ja … die Gesichte vom Legenbogen“, dabei hielt sie ihm freudestrahlend ein abgegriffenes blaues Büchlein hin.
„Ich heiße Toni“, stellte sich Anton berührt vom Frohsinn dieser reizenden, kleinen Gestalt vor.
„Und ich Lalissa“, krähte die Kleine begeistert und reichte ihm ihr Händchen.
Brigitte setzte sich mit dazu. Sie wunderte sich. Ihr Mann hatte sich seit Jahren niemandem mehr mit seinem Jugendnamen vorgestellt. Anton nahm das kleine Büchlein in die Hand und schlug es auf. Er blätterte, bis Larissa „halt – da!“ rief und auf eine Zeichnung mit einem großen Engel mit Krone neben einem kleinen Engel mit Rucksack deutete.
„Kleine Rucksackengel beim Packen“, las Anton. Diese Konstellation kam ihm irgendwie vertraut vor.

Kleine Rucksackengel beim Packen

Im Himmel, in der Hauptabteilung „Regenbogentransfer Erdplaneten“, herrschte Reisefieber. Es war, wie so oft in letzter Zeit, einer der Tage, an denen die Abflugrutschen zur Erde voll ausgebucht waren. An den Gates wartete eine bunte Schar Schutz-, Erd- und Elfenengel, kleinere Tierengel und ganz neu mit dabei Rucksackengel. Das Englein Antonius war in dieser Kategorie diesmal auch anwesend. Er war das Paradebeispiel eines kleinen Barockengels, rundlich, lockig, fröhlich. Noch schien er aber keine Eile zu haben. Er tollte jauchzend mit seiner Wolkenfreundin Elvira rum, glücklich, mit zu den Auserwählten zu gehören. Offensichtlich gab es für sie wichtige Aufgaben auf dem Planeten Erde zu erledigen. Jeder Reise-Engel wurde vorher in einem Gespräch von einem Seraph eingewiesen. Rucksackengel mit einer Sonderbotschaft wurden sogar vor ihrer Erdenmission von den Himmelsköniginnen Freya oder Maria persönlich empfangen. Antonius stand ein solcher Einzeltermin bevor. Einer der großen Seraphim mit seinen beeindruckenden sechs Flügeln winkte ihn heran:
„So, Englein, nun ist Schluss mit lustig“, sagte er streng. „Ab hier wirst du bereits die Polaritäten zu spüren bekommen. Damit ihr alle nicht komplett unvorbereitet auf die Erde purzelt. Zupf dir noch mal deine Flügel gerade. Du bist ja ganz zerzaust und noch voller Dreck.“ Dabei blies er ihm über die Schulter und glitzernder Sternenstaub wirbelte auf.
„So kannst du aber nicht zur Chefin rein. Hurtig, mach dich mal reinlich!“, schnauzte er den kleinen Engel an, der beschämt rote Bäckchen bekam. „Aha“, dachte Antonius, das ist also Polität oder so …“ Er putzte sich artig. Elvira stand ihm unterstützend zur Seite, hüllte ihn in ihre reinweißen Wölkchen und sein Staub blieb bei ihr haften. Frisch glänzend und aufgeregt trat er etwas später vor die große silberne Tür.

„Eintritt nur mit Erzengel“ stand da groß auf einem Schild, doch wie ihm der Wächterengel, ein Seraph, versicherte, waren die im Moment nicht greifbar.
„Wieder mal Krisensitzung im Himmelsrat wegen Planetin Gaia, aber Freya empfängt dich auch ohne Erzengel“, dabei schubste er ihn über die Schwelle. Wie von Zauberhand öffnete sich geräuschlos die schwere, mit vielen Ornamenten geschmückte, silberne Tür.
Dahinter wurde er von zwei schnurrenden Kätzchen willkommen geheißen.
„Sei gegrüßt, Antonius“, tönte es hell und klar wie von einem Himmelschor gesungen.

Der kleine Engel war etwas verwirrt. Woher kamen diese himmlischen Stimmen? Doch nicht von den zwei Katzen? Wie aus dem Nichts erschien in der Tiefe des Gewölbes eine gar liebliche Erscheinung. Freya war Omjegas kosmische Schwester und die Leiterin dieser Himmelsabteilung. Sie sorgte nicht nur für den Regenbogentransfer zu den Erdplaneten, sie war auch dafür zuständig, dass stets ausreichend Liebe dorthin gebracht wurde, auch was Frauen und Männer betraf.
„Grüß Göttin!“, piepste Antonius ganz ungewohnt schüchtern und ehrfurchtsvoll. So eine schöne Gestalt hatte er im ganzen Himmel noch nicht gesehen. Goldene Locken, mit glänzenden Spangen hochgesteckt, unterstrichen ihre hohe, schlanke Figur. Ihr Umhang funkelte wie von Tausenden Diamanten besetzt. Aus einem samtigen Antlitz strahlten ihm funkelnde, blaue Sternaugen entgegen. Antonius stieg die Hitze in den Kopf, so verliebt war er von dem Anblick der bezaubernden Freya.
Das ist wohl auch Polität ..., dachte er bei sich.

„Polarität, heißt das. Es ist das Gegensatzverhältnis, das auf der Erde dank Lucifer herrscht. Ying und Yang, Mann und Frau, Liebe und Hass. Du wirst das alles sehr schnell begreifen, sobald du da unten bist. Wie ich in deinen Gedanken lese, ist dir bereits in deinen neu erwachten Gefühlen bewusst, um was es geht.“
Sie lächelte, als sie seinen rot gewordenen Kopf sah, umarmte ihn zart und küsste ihn auf die Stirn. Es war, als ob ihr Licht ihn durchdrang. Seine Anspannung fiel ab und er wurde ganz ruhig.
„Willkommen Antonius, da du nicht zum Inkarnationstrupp gehörst, wird dir alles ziemlich neu vorkommen. Doch gerade für dich habe ich ein paar ganz spezielle Aufgaben und dafür ist ein erinnerungsfreies Himmelseelchen meist besser geeignet. So gebe ich dir für das, was du an Gefühlen und auch an altem Wissen brauchst, einen Rucksack mit. Pass gut auf ihn auf, denn ganz zuunterst steckt dein Rückkehrplan. An den gelangst du aber erst, wenn du all die Erdenpäckchen geöffnet hast, so will es das irdische Gesetz, auch deine hübschen Flügelchen werden sich auflösen, sobald du die Erde berührst.“
Antonius guckte ungläubig: Was, ohne Flügel? Wie sollte das denn funktionieren?

Freya erriet seine Bedenken. „Keine Sorge, da unten gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, um vorwärtszukommen, schneller, als dir oft lieb sein wird.“
Sie überreichte ihm einen kleinen federleichten Rucksack.
„Er sieht zwar winzig aus, aber es geht eine Menge rein, jedenfalls alles, was du demnächst für dein Erdenleben brauchst.“
Dann führte sie ihn zu einem langen Gang mit Tischen, auf denen unzählige hübsch eingepackte Schachteln lagen: große, kleine, runde, eckige.
„So, lieber Antonius! Hier darfst du erst mal einpacken, was dir gefällt. Wähle mit Bedacht, was dir wichtig erscheint!“


Bei genauerem Hinsehen erkannte Antonius, dass die Pakete beschriftet waren.
„Oh!“, rief er erfreut und strebte dem Tisch mit den Packungen FREIHEIT zu, „die nehm ich“ sagte er und holte sich ein Paket. „Ja, und die sind bestimmt auch gut zu gebrauchen“, und so griff er auch bei ERFOLG und FREUNDSCHAFT zu zwei großen Paketen. „Und GLÜCK pack ich ein und … mhhhh … REICHTUM?“ Er zögerte.
Freya sah ihn ernst an:
„Wo du zweifelst, das lass liegen. Fühl genau, was du möchtest! Umtauschen geht nicht mehr.“ Antonius wurde vorsichtig. Er versuchte, sich zu konzentrieren, was ihm die Engel, die schon auf Erden waren, alles erzählt hatten. Es ärgerte ihn, dass er in der Engelschule so wenig aufgepasst hatte. Mit diesen Gedanken lief er achtlos an den rot glänzenden Paketen der LIEBE vorbei. GESUNDHEIT, das meinte er noch im Ohr zu haben, sei etwas ganz Wichtiges. Deshalb nahm er auch davon eine recht große Schachtel mit. Ganz hinten im Raum wurde es etwas dunkler. Da gab es noch weitere Auswahl. Doch diese Behältnisse waren in düsteren Farben gehalten, von Grau bis hin zu tiefstem Schwarz. Instinktiv wollte er umkehren, zurück in die bunte Abteilung. Doch Freya nickte bedeutsam und sprach: „Nun, lieber kleiner Engel, dort unten ist es nicht ganz so wie hier. Das versuchte ich dir vorher zu sagen. Dort wirft Licht Schatten, aus Tag wird Nacht. Es ist der Ort der Polaritäten. Das habt ihr doch in der Engelschule gelernt, oder wie war das noch mal mit der Polität?“, witzelte sie.

Antonius war das peinlich, bei diesem Thema hatte er wohl wieder mal geschwänzt.

Freya bemerkte seine Zweifel und fuhr fort:
„Damit alles in Balance ist, gibt es zu allem ein Gegenstück. Du darfst zwar die Pakete selbst wählen, aber bevor du hier rausgehst, misst Maathild auf ihrer Waage, ob deine Wahl ausgewogen und deiner Mission angepasst ist.“

Antonius stromerte noch ein wenig ziellos an den Paketen vorbei und nahm sich, nicht sehr überzeugt davon, auch einige der dunkel verpackten Schachteln. Endlich war sein Rucksack voll, obgleich er sich nach wie vor sehr leicht anfühlte. Freya nickte zufrieden und brachte ihn zum Ausgang.

An der Türschwelle des silbernen Tores nahm ihn Maathild, die Göttin der Gerechtigkeit, in Empfang. Vor ihr stand eine reich verzierte goldene Waage. Maathilds Erscheinung war die einer ägyptischen Königin. Sie trug ein eng anliegendes in sich changierendes Kleid, das mal hell, mal dunkel schimmerte. Die weiten Ärmel waren kunstvoll mit Ibissen bestickt. Ihre gelockten, schwarzen Haare wurden von einem goldenen Reif aus zwei in sich verflochtenen Schlangen gebändigt. Bedächtig abschätzend nahm sie Antonius’ Rucksack und legte ihn in eine der Waagschalen. In der anderen lag nur eine weiße Feder, trotzdem blieb die Schale mit dem scheinbar so großen Erdenrucksack oben. Antonius konnte sich gar nicht vorstellen, dass sein großer Sack leichter als die Feder bemessen wurde. Freya nickte ihm liebevoll zu. Sie hatte noch eine größere Schachtel in der Hand. Ein persönliches Geschenk, wie sie sagte. TROST stand darauf und als er es umdrehte, war dieses Wort noch mal in Goldbuchstaben zu sehen.
„Dies ist mein Himmelssegen an dich ohne Polarität. Es wird dir in schwierigen Zeiten tröstlich helfen.“ Sie legte das Paket in die Schale auf den Rucksack und tatsächlich hielt sich nun die Waage in fast ausgeglichener Balance. Maathild akzeptierte das minimale Fehlgewicht, lächelte zufrieden und notierte mit einer großen bunten Feder, aus der goldene Tinte floss, alle gewählten Eigenschaften auf einer großen Papyrusrolle.
„Dies ist dein Seelenvertrag“, sprach sie ernst. „Du hast dir deine Aufgabenpakete alle, nun, sagen wir fast alle, selbst ausgesucht, und damit nichts vergessen wird, schreibe ich es nieder. Wenn du einst hierher wieder zurückkehrst, kannst du ihn lesen und wirst sehen, wie dir alles gelungen ist, das wünsche ich dir von Herzen. Eine Kopie dieser Vereinbarung geht an die Akasha-Bibliothek.“
Antonius verstand zwar nicht wirklich, wie das zusammenging, doch er freute sich, als Maathild ihm einen sanften, kühlen Kuss auf die Stirn gab. Dann half sie ihm, den Rucksack anzulegen. „Gute Reise! Dein Schutzengel wird dich von nun an beschützen“, sagten die beiden himmlischen Frauen im Chor und winkten ihm nach. Antonius wurde von einem schwebenden Etwas umhüllt. Das fühlte sich so wohlig an, dass er eine Gänsehaut bekam. Freya klopfte noch dreimal mit ihrem goldenen Zepter auf den Rucksack, der trotz der vielen Pakete immer noch klein und leicht aussah.
„Gesegnet sei dein Auftrag. Uns wirst du leider vorerst komplett vergessen, aber deinen Schutzengel solltest du im Herzen und in deinen Gedanken behalten.“
Antonius kapierte auch das nicht ganz, dachte aber, dass er die schöne, zauberhafte Freya niemals nie vergessen würde. Freya nickte weise, küsste ihn und schon als er die Schwelle der silbernen Tür überschritt, wusste er nicht mehr, was dahinter vorgefallen war.
„Oh, ich kann es gar nicht erwarten“, flatterte er aufgeregt. „Stopp“, sagte ein mächtiger Engel, der sich vor ihm mit seinen großen weißen Flügeln aufbaute.
„Noch eines: Ich, Cadmiel, wache über dein Schicksal. Ich schütze dich in allen Lebenslagen und vor jeder Gefahr und wenn du dich meiner erinnerst, bin ich sofort zur Stelle, wenn du mich rufst. Ich gehöre zu den Legionen der Elohim. Alle Engel sind in der Lage zu helfen, wenn man uns darum bittet. Doch diese Bitte ist wichtig, denn ohne deine Anrufung und gegen deinen Willen darf ich nicht eingreifen. Das höchste Gut, das du mitbekommst, ist deine persönliche Entscheidungsfreiheit. Du allein hast die Schöpferkraft, wie dein Leben auf der Erde gestaltet werden soll. Dies ist himmlisches Gesetz. Dieses Wissen ist jedoch derzeit auf dem Planeten Erde noch wenigen bewusst und auch du wirst deine eigene göttliche Schöpferkraft über viele Jahre deines Erdendaseins nicht begreifen. Uns Schutzengeln ist lediglich erlaubt, dich in ausweglosen Situationen nach dem kosmischen Plan zu beschützen. Also vertraue deiner eigenen Göttlichkeit, und mir, kleiner lieber Engel.“ Dabei strahlten Cadmiels Augen unbeschreibliche Liebe aus und Antonius flossen dabei Tränen aus den Augen.

„Ups, was ist das denn? … Meine Augen laufen aus.“
Cadmiel lächelte weise: „Nein, Antonius, dies ist eine Eigenschaft der Menschen, wenn wir ihrem Herzen ganz nah sind. Tränen nennen sie es. Sie entstehen sowohl aus Freude wie auch aus Trauer und machen auf unsere Gegenwart aufmerksam. Deinen Augen schadet es nicht, im Gegenteil, oft hast du danach einen geklärten Blick. So, nun wird es aber Zeit für deine Reise! Lass uns aufbrechen.“

Antonius nickte voller Dankbarkeit. Er fühlte sich leicht und befreit und bereit für große Taten.
„Fein“, rief er in großer Freude und schlug vergnügt einen Purzelbaum, „dann ab auf den Regenbogen.“

IM AUSNAHMEZUSTAND

Anton schloss das Büchlein. Inzwischen war auch Larissas Mutter in Begleitung ihres Bruders zurück. Sie wechselten noch ein paar Sätze mit dem Pfleger vor der gesicherten Glastür zum Intensivbereich. Auf dem Milchglas war ein Äskulapstab eingraviert. In roten Großbuchstaben erfuhr der Besucher, dass dahinter die Intensivstation 3 begann, eigenmächtiger Zutritt war verboten und nur nach vorheriger Anmeldung mit diensthabendem Personal möglich. Eine Sprechanlage mit Kamera an der Wand sollte diesen Kontakt herstellen. Beim Studieren dieser Anweisung beschlich Anton ein dumpfes Gefühl: Hinter dieser Pforte lag Elli, seine Tochter. Er durfte momentan nicht zu ihr und dieses Gefühl der Machtlosigkeit machte ihm Angst und es ärgerte ihn auch ein wenig. Er war es nicht gewohnt, vor verschlossenen Türen zu sitzen. Brigitte saß mit versteinertem Gesichtsausdruck neben ihm. Er nahm ihre Hand. Sie war eiskalt.
„Komm, wird schon alles gut, Schatz!“, flüsterte er ihr ins Ohr und glaubte in dem Augenblick nicht wirklich selbst daran. Das Bild von Ellen mit all den Schläuchen, an die sie angeschlossen war, war zu erschütternd gewesen. Doch jetzt, als die kleine Larissa bei ihm saß, hatte er eine Erinnerung an eine Situation, die bei ihm ein ähnliches Unbehagen ausgelöst hatte: Ellis Geburt. Sie war alles andere als einfach gewesen. Ein Kampf im Kreißsaal und zum Ende hin fast die Gefahr, dass das Kind noch erstickt wäre, weil sie durch Brigittes enorme Anspannung nicht auf natürlichem Weg kommen wollte und es für einen Kaiserschnitt zu spät war. Er erinnerte sich an das Drama vor 17 Jahren. Damals galt seine Angst jedoch mehr dem Leben seiner Frau als dem kleinen, verrunzelten und blau angelaufenen Etwas, das schließlich doch noch den Weg durch den Geburtskanal fand. Als er dann das kleine Leben sauber gewaschen in Händen hielt, war er überwältigt gewesen. Die Liebe, die er für Ellen bis heute empfand, verstärkte sein momentanes Leid. Mit einem Seufzer streichelte er der kleinen Larissa über den Kopf. Sie hielt das Buch wie einen Schatz in Händen.
„Da, Mami, wir haben gelesen bis zum Pulzelbaum“, berichtete sie freudestrahlend ihrer Mutter, die gerade in den Warteraum trat. Die Frau küsste das Mädchen zärtlich auf die Stirn und lächelte Anton und Brigitte dankbar zu.
„Danke vielmals fürs Aufpassen, ich übernehm jetzt wieder das Babysitting. Gerade ist Schichtübergabe, da sind Besucher nicht erwünscht. Ja, hier braucht man viel Geduld.“
Sie nahm Larissa an der Hand und ging mit ihr in die Spielecke mit bunten Sitzkissen und einem kleinen Holzschaukelpferd. Dort setzte sie sie auf eine kleine Bank, vor ein Tischchen mit Blättern und Malstiften.
„So Elfchen, du hast schon so ein schönes Bild angefangen, nun mal wieder weiter, vielleicht ja einen Regenbogen.“ Sie setzte die Kleine, die gleich brav nach den Stiften griff, vor ihr Malheft. Anton stand auf und gab das Buch, aus dem er gerade vorgelesen hatte, fast wie ein Relikt andächtig zurück. Gab es da so etwas wie eine Erinnerung? Und irgendwie kam ihm auch diese Frau vor ihm bekannt vor.
„Hier haben Sie Ihr Buch zurück, nette Geschichten, ein bisschen sehr sphärisch, mir gefällt es trotzdem, doch ob das die Kleine versteht?“ Larissas Mutter schenkte ihm ein offenes Schmunzeln.
„Okay, zugegeben, es ist schon speziell. Doch Larissa ist mit ihren fast vier Jahren bis auf ihren sprachlichen Ausdruck schon ziemlich weit. Sie würde es ja nicht ständig mit sich herumschleppen, wenn es ihr nicht gefallen würde. Außerdem, wenn ihr was too much ist, dann schläft sie ein. Ich hab ihr und auch Lars einige Geschichten schon öfter vorgelesen und manchmal schlummert sie mir dann bei denselben Passagen weg. Fast so als ob sie im Schlaf noch mal drüber nachdenken müsste.“
Anton nickte bejahend. Auch ihm waren einige Stellen beim Vorlesen wie ein Déjà-vu vorgekommen:
„Tja, kann schon sein, dass sie das Gehörte erst mal verdauen muss. Merkwürdig, ich glaube ich habe als Kind auch schon mal Ähnliches gehört. Wobei ich mich hauptsächlich an den Engel erinnere. Meine Tante hat mir wohl, als ich klein war, etwas in der Art vorgelesen. Tante Marga war schon damals für mich, na ja, ein wenig wie von einem anderen Stern!“ Dabei grinste er.
Auch der Frau huschte ein Lächeln über die Lippen. Sie hielt das Buch wie einen Schatz in Händen, überstülpte es mit einer Plastikhülle und steckte es wie eine Rarität in einen hellen Filzbeutel.
„Nun, für mich ist es ein ganz besonderes Buch: Ich habe es auf einer meiner ersten Weltreisen in Seattle auf einem Rainbow-Festival gefunden – ein deutsches Buch auf einem Flohmarkt in Amerika, schon komisch, oder? Leider ist es schon sehr alt, ich schätze in den 30er- oder 40er-Jahren gedruckt. Ich habe ein wenig recherchiert, aber konnte bisher weder den Verlag noch den Autor finden. Nun, vielleicht haben Sie recht: Es ist nicht wirklich ein Kinderbuch. Trotzdem ist meine Larissa davon fasziniert, und ich auch.“ Ihre ungewöhnlich großen grünblauen Augen strahlten bei dieser Bemerkung.
„Ach T’schulidgung, wie peinlich, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt, Claudia Karlowski mein Name.“
Dann gab sie zuerst Brigitte, die dem Gespräch mit argwöhnischem Blick gefolgt war, die Hand. Auch Anton stellte sie sich vor und fixierte ihn ein wenig spöttisch. In sarkastischem Tonfall fuhr sie fort:
„Es freut mich natürlich ganz besonders, dass Ihnen die Geschichten gefallen. Das hätte ich nämlich gar nicht von Ihnen vermutet. Ich kenn Sie natürlich. Wer kennt Sie nicht in der Stadt, Herr Nunzius.“
Brigitte schaute pikiert. Sie fand diese Aussage fast unverschämt. Ihr Mann schien das gar nicht so bemerkt zu haben.
„Ja, angenehm, Nunzius, Anton Nunzius, der bin ich tatsächlich. Gibt ja derzeit genügend Plakate von mir“, antwortete er fast kokett. Dann blickte er jedoch, ob des forschen Blicks seines Gegenübers, verlegen zu Boden.
Claudia sah ihn skeptisch an und erklärte schnippisch:
„Da haben Sie allerdings recht, an jeder Straßenecke das eigene Konterfei, aber das dürfte Ihnen ja nur recht sein, oder?“
Er nickte achselzuckend und zog es vor, darauf nicht zu antworten. Brigitte schnaubte hörbar empört. Sie sprang erleichtert auf, als sie eine Krankenschwester aus dem Intensivbereich kommen sah. Eine willkommene Gelegenheit, diesem peinlichen Gespräch zu entfliehen. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen, denn Claudia Karlowski setzte sich schweigend zu ihrer Tochter. Larissa hantierte eifrig mit den Malstiften, während sich ihre Mutter mit ihrem Smartphone beschäftigte. Anton beobachtete sie mit verstohlenen Blicken und sann darüber nach, woher er diese Frau kannte. Trainiert durch seine öffentlichen Auftritte, vergaß er Gesichter von Menschen, mit denen er zu tun hatte, eigentlich nie. Allerdings bemerkte er nun jenseits der 50, dass ihm das immer schwerer fiel. Er grübelte weiter und plötzlich hatte er ein Bild. Genau! Natürlich! Claudia Karlowski! Wie konnte er das vergessen: Sie war die Journalistin, die letztes Jahr den Film über die skandalösen Zustände in Peter Finnes’ Hühnerfarm gedreht hatte. Die Karlowski war ihm bereits auf einem der ersten Pressetermine zum Thema „Pro Industriegebiet Klöppelbach“ aufgefallen. Langes, dunkelblond gewelltes Haar, natürlicher sonnengebräunter Teint, lange schlanke Beine in engen Jeans. Ja, sie war schon ein Hingucker und obendrein blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen. Anton erinnerte sich auf einmal recht genau an diesen verhängnisvollen Abend. Ihr Auftreten hatte wohl auch seinem Freund Peter imponiert. Sie hatte den Geflügelfarmbesitzer nach der Podiumsdiskussion mit großen Augen angeschaut und ganz unschuldig um eine Betriebsführung gebeten.
Eine raffinierte Person, dachte sich Anton jetzt, und attraktiv, ohne Zweifel!
Er konnte verstehen, dass sein Kumpel Peter was ganz anderes im Kopf gehabt hatte, als er sie nach der PR-Veranstaltung vertrauensselig durch seine Ställe führte, während sie mit versteckter Kamera in der Tasche heimlich gefilmt hatte.
„Eine aparte Frau, aber ein wenig zu forsch“, meinte sein Freund hinterher reumütig. Denn der Skandal nach der Ausstrahlung des Films, in der brutale Tierquälereien zu sehen waren, zog Kreise. Anton war zwar über die Praktiken in Peters Firma gleichermaßen entsetzt, gab das aber nicht zu. Doch mit seiner Tochter Elli bekam er damit ein Riesenproblem. Dieser Clip war immer wieder Ellens beliebteste Waffe, wenn sie mit ihm darüber diskutierte.
„Schöne Freunde hast du“, war meist ihr Kommentar dazu.
Anton befand sich in der Zwickmühle, entschied sich jedoch aus vielerlei Gründen, Peter nicht fallen zu lassen. Gleich nach der Ausstrahlung meldete er sich in seiner Funktion als Jugendbeauftragter der Stadt beim Sender und machte den verantwortlichen Redakteur zur Schnecke.
Sein vorgeschobenes Argument:
„Kindern können Sie doch zu dieser Sendezeit so etwas nicht vorführen!“
Demütig versprach der Gescholtene, dieses Material sofort zu sperren. Zu spät: Es war schon längst auf Youtube zu sehen. Ein paar Tage später wurde Claudia Karlowski dafür mehr oder minder gefeuert. Begründung: Illegal gedrehtes Material hat in einem seriösen Programm nichts zu suchen.
Claudias Statement dazu: „Der Zweck heiligt die Mittel und es ist durchaus von öffentlichem Interesse, wenn beispielsweise bereits verendete Tiere noch in die Tierfutterverwertung kommen.“
Doch ihr Anwalt konnte gegenüber den Justitiaren des Senders nicht punkten, sie musste gehen. Nun, als Anton ihr im Warteraum gegenüber saß, war ihm diese Aktion natürlich äußerst unangenehm. Hoffentlich wusste sie nicht, dass er der Urheber ihrer Kündigung war. Eine falsche Hoffnung!
Claudia hatte sofort gecheckt, mit wem sie es zu tun hatte. Es war ihr schon damals klar gewesen, dass dies ein politischer Rauswurf war, hinter dem Anton Nunzius stand. Jeder in der Stadt wusste, dass er Studienkollege von Peter Finnes war und sie auch jetzt noch privat miteinander verkehrten, ebenso wie mit dem Programmdirektor beim Sender. Doch Claudia war Anton Nunzius nicht böse, auch wenn sie ihm so provozierend begegnet war. Er sollte ruhig ein schlechtes Gewissen haben. Im Grunde konnte sie ihm dankbar sein. Durch die Kündigung beim Fernsehen hatte sich für sie ein völlig neues Aufgabengebiet ergeben. Sie arbeitete nun für einen esoterischen Verlag, entwarf Flyer und Werbetexte für ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm, ob Vorträge über Heilkräuter, Klangschalenkonzerte oder schamanische Ausbildungen. Das machte nicht nur Spaß, sondern eröffnete ihr die Möglichkeit, in eine Welt zu schauen, für die sie sich schon immer interessiert hatte. Sie war kritisch genug, zu unterscheiden, was reine Abzocke oder wahres Anliegen für Heilung war. Darüber entschied meistens ihr Bauchgefühl und das hatte sich gerade eben unmissverständlich gemeldet. Es fühlte sich ein bisschen wie „Schmetterlinge im Bauch“ an, als sie gerade dem Urheber dieser Entwicklung gegenübersaß. Claudia fühlte sich auf eine eigene Art angezogen. Der Stadtrat war durchaus ein attraktiver Mann. Seine hünenhafte Figur wirkte durchtrainiert. Dunkle, etwas längere Haare mit grauen Strähnen und ein akkurat geschnittener Backenbart verliehen ihm ein weltmännisches Auftreten. Kein Wunder, dass ihn seine Partei als Landtagskandidat ins Rennen schickte, und seine Frau, Brigitte Nunzius, passte in gewisser Weise dazu, auch wenn sie ihm von der Größe her nur bis zu den Schultern reichte. Sie war perfekt gestylt und dezent geschminkt. Beiger Cardigan über einem nussbraunen Etui-Kleid, gleichfarbige Lederstiefel und eine Handtasche gleichen Fabrikats, die erraten ließ, dass dies Originallabels und keine Imitate waren. Claudia hatte bemerkt, wie Brigitte sie von Kopf bis Fuß mit Röntgenblick taxierte.
Ja, schauen Sie mich nur genau an, war sie fast versucht zu sagen, ich halte nichts von Klum, Prada & Konsorten. Sie verkniff sich jedoch diese Provokation.
Brigitte hatte sie tatsächlich genau nach diesen Kriterien gescannt.
Jugendlook, auf eine eigene Art geschmackvoll, in Jeans und weißer bestickter Bluse, bloß die Zeiten von silbernem Indianerschmuck waren doch auch schon vorbei, dachte sie abschätzend. Ihr eigenes Outfit war ihr auch heute nicht egal gewesen. Allerdings war sie der Meinung, sie hätte heute auch im Jogginganzug dasitzen können. Der wäre in dieser Situation bedeutend bequemer gewesen, denn die Wartezeit zog sich endlos hin. Wie gelähmt saß sie inzwischen wieder auf ihrem Stuhl und dachte an ihre schwerstverletzte Tochter. Einzig das leichte Zittern, das durch ihre Oberschenkel lief, ließ die Anspannung erkennen. Die Sorge um Ellen war eine Zerreißprobe.
Anton erging es nicht anders, doch er wollte seine innere Unruhe nicht zeigen. Deshalb verabschiedete er sich für einen Moment nach draußen. Die frische Luft vor dem Klinikportal tat ihm gut. Er entfernte sich von der Patienten-Gruppe notorischer Raucher, die in ihren Bademänteln unter dem Vordach ihrer Sucht frönten. Auf einer Bank im angrenzenden Patientenpark checkte er sein Handy und ging die ihm entgangenen Anrufe durch. Nichts, was jetzt für ihn von Bedeutung wäre, oder doch? Die Nummer mit der Schweizer Vorwahl, das war seine alte Tante Marga. Er drückte die Wahlwiederholung.
„Hallo Tantchen! Toni hier, wie geht’s?“, fragte er die inzwischen fast 80-Jährige, die sich mit einem „Gruezi“ gemeldet hatte.
„Na wie soll es schon einer Oldtimerin wie mir gehen? Ich komme gerade von einem kleinen Abendspaziergang zurück – bin froh, dass ich das noch machen kann. Ich habe an der Kapelle für Ellis Genesung eine Kerze angezündet, nachdem ich deine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hörte. Wie geht’s denn eurem Mädel?“
Anton versuchte, möglichst harmlos zu klingen:
„Leider ist sie ist noch auf der Intensivstation. Wir hoffen natürlich, dass sie bald aus dem künstlichen Koma geholt wird. So weit kein Grund zur Aufregung, Tantchen.“
„Ach Junge, das klingt aber nicht so toll, ich riech doch förmlich euer Mitleiden, das ist ja auch wirklich ein Schicksalsschlag. Soll ich nicht zu euch rüberkommen?“
Anton konnte seiner Tante nichts vormachen. Sie spürte immer genau, was vor sich ging, obgleich er das Drama um Ellen, wie er meinte, so betont unaufgeregt wie möglich beschrieben hatte.
„Nein, Tante Marga, das brauchst du nicht. Ehrlich gesagt, sitzen wir ja eh meistens im Warteraum. Die Besuchszeiten auf einer Intensivstation sind sehr eingeschränkt, auch wenn wir hier sehr bevorzugt behandelt werden, ein Pilotprojekt des Ethikrats der Klinik. Endlich mal eine sinnvolle Entwicklung. Also mach du dir da mal keine Gedanken.“
Dann fiel ihm die Geschichte wieder ein, die er gerade Larissa vorgelesen hatte.
„Aber ich wollte dich noch was fragen: Du hast mir doch früher immer Engerlegeschichten vorgelesen, weißt du noch?“
„Hm … Da müsste ich noch mal nachdenken, Engelgeschichten? Kann ich mich jetzt ad hoc nicht erinnern. Klaro, ich hab dir viele Märchen erzählt, aber ist ja wohl schlappe 50 Jahre her, oder?“, brummelte seine Tante, die immer stolz auf ihr gutes Gedächtnis gewesen war.

„Also das Buch hat so einen hellblauen Einband und ich glaube eine goldene Schrift und der kleine Engel hieß fast wie ich, nämlich Antonius.“
In der Leitung war erst kurz Funkstille, bevor seine Tante vor Entzücken quiekte. Sie hatte sich immer noch ihre seit jeher kindliche Freude bewahrt:
„Uiihuuiihh, ja natürlich, das Buch meinst du, ich erinnere mich. Freilich kenn ich das noch. „Himmelsgeschichten“ – die haben deine Mutter und ich uns immer gegenseitig vorgelesen und danach heiß diskutiert. Da konnte Marion durchaus mal laut werden. Oh ja, sie wollte immer wieder die Geschichten von den Ahnenhallen hören. Ach, Gott hab sie selig“, hauchte sie berührt in die Leitung.
„Heut‘ sitzt deine liebe Mutti dort hoffentlich selbst im himmlischen Frieden, das wünsch ich ihr. Schad‘, Junge, hast halt nur noch deine alte Tante“, schniefte sie durch die Leitung. Anton schluckte. Seine Eltern waren beide innerhalb eines Jahres gestorben. Der Vater an einem bösartigen Gehirntumor, seine Mutter kurz danach durch einen Herzinfarkt. Sie waren zwar damals schon beide weit über siebzig gewesen, trotzdem fühlte er sich danach wie ein Waisenkind, obwohl schon längst erwachsen. Doch auch dieses betrübliche Ereignis war inzwischen schon fast 10 Jahre her. Seine Tante hatte nie geheiratet und war kinderlos geblieben. Anton hatte nach dem Tod seiner Mutter den Eindruck, Tante Marga sah ihn ein wenig wie einen eigenen Sohn. Die alte Dame räusperte sich nun.
„Ja, Toni, an dieses Buch habe ich noch oft gedacht, denn die Erinnerung daran hat mich lange begleitet. Ich las es dir vor, da warst du ja fast noch ein Säugling. Ich habe es damals auf eine meiner Weltreisen mitgenommen und es leider zusammen mit meinem Reisetagebuch in einem Auto vergessen, als ich als Anhalterin die amerikanische Westküste abgeklappert habe. Ich war damals sehr traurig darüber, das war mir ein großer Verlust. Ich habe es auch nie mehr in Deutschland auf dem Buchmarkt gefunden und so ist es in Vergessenheit geraten. Wieso fragst du grad jetzt danach?“
„Nun, du wirst es nicht glauben, ich habe gerade einem kleinen Mädchen hier im Wartezimmer daraus vorgelesen. Das ist doch wirklich witzig! Dass es solche Zufälle gibt!“ Seine Tante widersprach dieser Theorie. Anton hatte fast mit dieser Antwort gerechnet.
„Zufälle, Anton, gibt es nicht, wir sind geführt und dass dir dieses Buch gerade jetzt begegnet, das ist großartig und hat Bedeutung.“
Für Anton erschloss sich der Sinn dieser Aussage zwar nicht, aber er vertraute seiner Tante.
Marga wünschte ihm und Brigitte viel Geduld und Kraft und für Ellen gute Besserung.
„… und wenn ihr mich braucht, bitte melde dich, und falls es das Büchlein noch irgendwo gibt, ich würde es gerne noch mal lesen, ja!“
Anton versprach ihr, sein Bestes zu tun. Damit verabschiedete er sich.
Auf dem Display sah er, dass wohl mehrmals sein Büro versucht hatte, ihn zu erreichen, doch das war ihm im Moment ganz und gar nicht wichtig. Sie erschienen ihm eher wie Nachrichten aus einem anderen Leben.
Er ging wieder zurück in den Warteraum. Brigitte rollte mit den Augen und tippte auf ihr Uhrband. Ihr schnaubendes Ausatmen und Fußwippen zeugten von größter Ungeduld. Auch Anton ging die Warterei auf die Nerven. Er wollte zu Ellen. Endlich kam eine Schwester auf sie zu.
„Guten Tag, ich bin Schwester Ricarda. Frau und Herr Nunzius?“, schaute sie fragend. Die beiden nickten.
„Sie können im Moment ans Bett Ihrer Tochter. Leider ist die Besuchszeit wegen ihres instabilen Zustandes etwas begrenzt.“
Brigitte schaute sie entsetzt an. Die erfahrene Krankenschwester beruhigte sie:
„Für morgen früh hat sich der Herr Professor angesagt, dann wissen wir mehr.“
„Na endlich! Wir dachten schon, heute gar nicht mehr dran zu kommen. Bisher verbrachten wir die meiste Zeit im Wartezimmer statt am Bett unserer Tochter.“ Antons Tonfall war etwas hitzig. Schwester Ricarda überhörte es. Sie nahm stattdessen seine leicht schwankende Frau Brigitte, der wohl beim plötzlichen Aufstehen der Kreislauf versagt hatte, in den Arm. Sie sah die beiden mitfühlend an. Ihr war klar, durch welche Höllenqualen die Angehörigen hier gingen. In einer Umkleidekabine schlüpften sie wieder in ihre keimfreien Kittel. Vorsichtig schlurften sie mit Überschuhen und Mundschutz in den Intensivraum. Ellen lag hinter Paravents abgeschirmt immer noch wie ein Schneewittchen im Sarg da, blass und leblos. Sie wurde von kompliziert aussehenden Maschinen versorgt. Überall blinkte und surrte es. Eine Atemmaske bedeckte ihr Gesicht und ein Transfusionsschlauch hing an ihrem Arm, seitlich war ein Urinbeutel befestigt. Der Anblick war für beide schwer zu ertragen. Sie fassten sich an den Händen und gingen vorsichtig ans Bett. Brigitte gab ihr einen Kuss unterhalb der Atemmaske auf die Wange und Anton versuchte, sie an der Hand zu halten, so gut das durch die Infusionsnadel möglich war.
„Hallo, wir sind wieder da. Oh Elli, bitte bitte wach auf!“, flüsterte Brigitte. Anton hoffte darauf, dass Ellen sie wahrnahm, doch es kam keinerlei Reaktion. So standen sie beide fast hilflos vor dem Bett.
Claudia Karlowski war inzwischen ebenfalls in den Intensivbereich geleitet worden. Wortlos warf sie den beiden im Vorbeigehen einen sorgenvollen Blick zu. Auch sie versuchte, diese erdrückende Atmosphäre würdevoll zu ertragen. Ihr 10-jähriger Sohn Lars lag gleich nebenan. Um ein wenig Privatsphäre zu haben, stand dazwischen ein hellblauer Wandschirm mit Schmetterlingen bedruckt. Anton und Brigitte hörten zwangsläufig, wie sich Claudia Karlowski mit ihrem Sohn, wie in einem normalen Gespräch, unterhielt.
„Na mein Liebling, jetzt bin ich allein hier. Onkel Sven ist schon auf dem Weg zum Bahnhof und dein Schwesterchen malt gerade ein so schönes Bild von dir mit einem Riesenfußball drauf. Der ist größer als du. Nach den Weihnachtsferien kann ich sie in den Kindergarten geben, da ist überraschenderweise ein Platz frei geworden. Ach da bin ich froh! Erinnerst du dich noch, du bist auch immer so gerne hingegangen und dein Kindergartenfräulein Frau Else ist auch immer noch da.“
Das klang wie ein lockeres Gespräch, bei dem die Antworten jedoch ausblieben. Anton und Brigitte waren ein wenig befangen, was da am Nebenbett vor sich ging. Stumm saßen sie da. Brigitte streichelte zaghaft Ellis kühle, steife Finger. Es gab darauf keine Gegenreaktion. Brigitte fühlte sich in dem Moment ebenso kalt, steif und ohnmächtig wie ihre Tochter. Was konnte man hier schon tun! Und dann fiel ihr plötzlich ein, was sie früher in solch aussichtlosen Momenten immer getan hatte. Sie faltete ihre Hände und begann zu beten. Das hatte sie wohl das letzte Mal vor Jahrzehnten getan:
„Gebenedeit seist du Maria …“
Die Worte fielen ihr ohne langes Überlegen ein. In der Klosterschule war das immer ihr Morgengebet gewesen. Himmlische Unterstützung tat not. Obwohl Anton das befremdlich vorkam, ließ er Brigitte gewähren. So hatte er seine Frau noch nie erlebt. Es war ihm etwas peinlich, denn er wusste, dass sie nebenan gehört wurden. Es war eben eine Ausnahmesituation. Und Brigittes Gebet verstummte dann auch wieder, als ihr die Tränen dabei kamen. Ihre hilflose Stille ließ sie die gleichmäßigen Akustiksignale der Maschinen noch quälender vernehmen. Beide wussten, was es bedeutet hätte, wenn diese Apparaturen stillstehen würden. Fast wie eine Erleichterung empfand es Anton, als nebenan wieder Claudia Karlowksis leise Stimme zu hören war. Sie las ihrem Sohn offensichtlich aus dem bereits bekannten Buch vor. Er und Brigitte lauschten dankbar der angenehmen Stimme hinter dem Paravent:

DIE REISE BEGINNT

Vor dem Regenbogen hatte sich bereits eine Riesenschlange an Engeln verschiedenster Größe eingefunden. Antonius stellte sich etwas missmutig hinten an. Das würde wohl noch dauern, bis er an der Reihe war. Neben ihm stand eine kleine, klapperdürre Gestalt, allerdings wie es aussah ohne Rucksack.
„Na, du reist aber mit kleinem Gepäck“, sagte er überrascht.
„Oh hallo“, piepste das dürre rothaarige Etwas, „ja, ich brauch wohl nicht viel, hat man mir gesagt. Würde noch ein Sonderpaket bekommen. Keine Ahnung, warum ich diese schrecklich steile Rutschbahn runter muss.“
Da war Antonius anderer Meinung:
„Ist doch toll, so eine Regenbogenrutsche, ich kann’s kaum erwarten, da runterzudüsen. Schau mal, da vorne wird noch ein zweiter Zugang eröffnet, komm mit, dann können wir hintereinander rutschen. Ich bin übrigens der Antonius.“
„Oh, angenehm, mein Name ist Emma.“
Antonius schüttelte seiner neuen Freundin aufmunternd die Hand, dann liefen sie gemeinsam zu dem neu geöffneten Regenbogen-Gate. Da jedoch die kleine Emma viel kürzere Beine und Flügelchen hatte, war Anton als Erster da und hüpfte ohne zu fragen in die Abfahrtsbahn.
„Halt!“, schrie einer der Guardian-Engel, der für den sicheren Ablauf zuständig war, „die Kleine zuerst, und außerdem ist das nur für die …“, aber es war schon zu spät. Antonius stürzte sich mit Begeisterung in die Kurve. Der Guardian-Engel schubste Emma hinterher.
„Du musst ihn unbedingt überholen, hörst du, sonst gibt es ein schönes Durcheinander da unten und …“ Dabei zerrte er ein kleines Rucksäckchen hervor: „Da du nun diesen Weg gewählt hast, brauchst du auch Reisegepäck.“ Emma fühlte sich überrumpelt. Sie hatte gar nichts entschieden, das war doch die Idee des quirligen Engeljungen gewesen. Der Guardian-Engel streifte ihr das neue Gepäckstück über. „Hör genau zu: Dieser Notfall-Rucksack enthält auch ein großes Paket LIEBE, für den übereifrigen Bengel von vorhin, das muss unbedingt noch in seinen Sack. Er braucht diesen Inhalt in seinem Menschenleben ganz dringend, verstanden, Emma? Hörst du! Das ist nun deine wichtigste Mission. Ich verlasse mich auf dich.“
Hastig streifte er ihr das Gepäckstück über. Emma nickte beklommen. Würde sie das schaffen? Doch der Rucksack gefiel ihr, denn er war mit vielen kleinen roten blinkenden Herzchen versehen. Sie holte tief Luft und schob sich mutig mit ihren dünnen Ärmchen ab, um den voreiligen Antonius einzuholen.


Erst ging es durch lichte Wolken, begleitet vom himmlischen Gesang eines Engelchors. Das beruhigte die kleine Emma und sie fand plötzlich Gefallen an diesem Tun. Sie fühlte sich mit ihrem neuen Rucksäckchen auch bestens ausgestattet und war ein wenig stolz auf ihre aufregende Aufgabe.
Antonius war in seiner Begeisterung sowieso nicht zu stoppen. „Huihui, huih, huih!“, jauchzte er voll Freude bei jeder Kurve. Rundum war es hell vom Licht der großen Sterne. Die zwei kleinen Rucksackengel waren überwältigt. So großartig hatten sie sich diesen Kosmos nicht vorgestellt. Sie zischten durch bunte Welten, mal in grünes, blaues, violettes Licht getaucht. Weit voraus in einer Kurve blinkte plötzlich etwas. Emma sah dieses Hindernis als Erste und rief Antonius zu, anzuhalten. Doch der hatte in seiner Freude ein zu beflügeltes Tempo drauf. Mit Karacho rauschte er in einen kleinen Stern, der anscheinend in der Rutsche festklemmte.
„Aua! Brech mir ja keinen Zacken ab!“, schrie er laut, als Antonius in ihn hineinrauschte. Das Sternlein funkelte ängstlich.
„Huch, ich komm nicht los, bin einfach in einer Ecke hängengeblieben, bitte helft mir, sonst fall ich gleich runter zur Erde und ich will noch keine Sternschnuppe sein. Da unten ist es so öde!“
Antonius krabbelt von ihm runter.
„Was?“, sagte er großspurig, „da ist überhaupt nichts öde, ich habe einen Rucksack voller Geschenke dabei und damit werd ich da unten mal richtig Halligalli machen … übrigens ich bin Antonius, Engel Antonius“, erklärte er dem immer noch festgeklemmten Sternlein mit wichtiger Miene.
„Na ja“, sprach der kleine Stern, der Antonius mit seinen fünf Zacken um einiges überragte, „eher wohl Kleinengel, oder?!“
Emma war inzwischen auch bei den zweien gelandet. Das glitzernde Etwas mit leuchtenden Spitzen gefiel ihr sehr.
„Na, und wer bist du?“, fragte sie neugierig.
„Ja, also ich bin Thuban und die Drachensterne sind meine Heimat. Doch nun …“, er schluchzte, „bin ich viel zu weit runtergefallen und habe das Licht meiner Familie verloren. Huhh, huhhh“, heulte er untröstlich und wurde noch lauter, als Antonius und Emma versuchten, ihn an seinen Zacken zerrend aus seiner misslichen Lage zu befreien.
Mit einem lauten „Hauruck“ gelang beiden schließlich, Thuban, den kleinen Drachenstern, aus seiner misslichen Lage zu befreien. Allerdings purzelten alle drei bei dieser Rettungsaktion erst mal über den Rand der Rutsche.
„Tja“, meinte Antonius, „hochschießen in deine Galaxie können wir dich nicht mehr, aber komm doch mit uns. Das könnte doch ein hübsches Abenteuer werden. Zwei Engel und ein Stern!“ Thuban hörte auf zu wimmern.
„Würdet ihr mich tatsächlich mitnehmen? Oh, das wäre fein. Es kann nicht mehr weit bis zu den weisen Heiligen Drei Frauen sein. Und die wissen immer Rat in allen Himmelsfragen. Sie können mich sicher wieder in die richtige Umlaufbahn zu meiner Sternenfamilie bringen.“
„Ja klar“, meinte Emma, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie weit es zu diesen Frauen war, doch das milde Leuchten, das Thuban verbreitete, gefiel ihr und sie konnte sich ihn gut als Begleitung vorstellen. Noch ehe sie die unzähligen silbernen Fäden, die an Thubans Zacken wie Lametta hingen, genauer inspizieren konnte, hüpfte Antonius zurück in die Regenbogenbahn.
„Huiih …“, säuselte er wie ein kleines Gespenst, „nur nicht trödeln – auf geht’s. Ich habe viel zu tun auf der Erde und der Weg ist wohl noch weit.“
Und schon war er in der nächsten Steilkurve verschwunden. Emma schüttelte den Kopf. Wie sollte sie bei dem Tempo Antonius jemals das fehlende Paket in seinen Rucksack schmuggeln? Sie setzte den kleinen Stern vorsichtig vor sich in die Bahn, holte mit ihren kleinen Flügelchen Schwung und nahm rasant an Fahrt auf, in der Hoffnung, Antonius nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fühlte sich gut mit dem Licht des kleinen Drachensterns vor sich. So glitten sie weiter durch ein glitzerndes lautloses Sternen-All. Nach vielen schimmernden Galaxien, die sie passierten, gab es eine lange stockfinstere Passage. Emma kam das endlos vor und sie wurden immer langsamer, bis sie in der Ferne ein silberner Schein lockte. Thuban erzählte ihr, das müsse wohl das Licht der großen Mondfrau sein. Zumindest hätte ihm sein Sternenonkel davon berichtet.
„Mondfrau sitzt mit einer riesigen Laterne auf einer Käse-Scheibe. Sie hat immer Besuch von Himmelsboten im Transit und da diese Besucher hungrig sind, schneidet sie stets mächtige Stücke davon aus der Scheibe, um alle Reisenden satt zu machen, und wenn schon fast nichts mehr übrig ist, wie eine schmale Sichel, wächst die Scheibe wieder nach und wird ein runder Käsetaler“, erzählte er bestimmt. Und obwohl Emma dazu eine andere Geschichte kannte, freute sie sich darauf, diese Mondspezialität einmal zu kosten. Unsanft wurde sie aus diesen verlockenden Gedanken gerissen, als sie plötzlich auf ein weißes Wolkenschloss mit einem geschlossenen Tor zurasten. Antonius war nun dicht vor ihnen. Bevor sie alle noch abbremsen konnten, öffnete sich das Tor wie magisch. Als Erster verschwand Antonius dahinter. Dabei blitzte und donnerte es. Emma schloss voller Unbehagen die Augen. Sie bekam es mit der Angst zu tun und presste den kleinen ebenfalls zitternden Thuban fest an sich. Doch dann war es plötzlich himmlisch ruhig und sie verschwanden lautlos in einer weichen Wolkenmasse.

 

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...... das Buch ist ca. 240 Seiten lang und gerade fertig lektoriert.  Sollte sich ein Verlag dafür ehrlich interessieren, bitte melden! Als Erscheinungsjahr ist Ende 2018 vorgesehen.