©Heike Facklam

Von Menschen ..und Engeln, ein spiritueller Roman,
….ist geschrieben, doch noch nicht verlegt.

Kurzbeschreibung:

In Anlehnung an alte Mythen geht es um eine Geschichte von der Reise zweier kleinen Rucksackengel auf die Erde. Erzählt werden diese Abenteuer im Warteraum auf einer Intensivstation. Dort treffen unterschiedlichste Menschen zusammen, die die Angst um das Schicksal ihrer kranken Angehörigen eint. Sie finden durch gegenseitiges Vorlesen trotz anderer Glaubenssätze, Religionen und Kulturen zueinander.

 

VON MENSCHEN...UND ENGELN (Leseprobe/Auszug)

 

IKleine Rucksackengel beim Packen

 

Im Himmel herrschte Reisefieber. Es war, wie so oft in letzter Zeit, einer der Tage, an denen die Abflugrutschen zur Erde voll ausgebucht waren. An den Gates wartete eine bunte Schar Schutz-, Erd- und Elfenengel, kleinere Tierengel und ganz neu mit dabei Rucksackengel. Das Englein Antonius war in dieser Kategorie diesmal auch dabei. Er war das Paradebeispiel eines kleinen Barockengels, rundlich, lockig, fröhlich. Noch schien er aber keine Eile zu haben. Er tollte jauchzend mit seiner Wolkenfreundin Elvira rum. Wie glücklich er war, mit zu den Auserwählten zu gehören. Offensichtlich gab es für sie wichtige Aufgaben auf dem Planeten Erde zu erledigen. Jeder Reise-Engel wurde vorher in einem Gespräch von einem Seraph angewiesen. Rucksackengel mit einer Sonderbotschaft wurden sogar vor ihrer Erdenmission von den Himmelsköniginnen Freya oder Maria persönlich empfangen. Antonius stand ein solcher Einzeltermin bevor. Einer der großen Seraphine winkte ihn heran:
„So Englein, nun ist Schluss mit lustig“, sagte er streng, „zupf Dir noch mal Deine Flügel gerade. Du bist ja ganz zerzaust und auch noch voller Engelstaub.“ Dabei blies er ihm über die Schulter und Sternenstaub wirbelte auf.
„So kannst Du aber nicht zur Chefin rein. Hurtig, mach Dich mal reinlich!“ schnauzte er den kleinen Engel an, der beschämte rote Bäckchen bekam. Antonius putzte sich artig. Elvira stand ihm unterstützend zur Seite, hüllte ihn in ihre reinweißen Wölkchen und sein Staub blieb bei ihr haften. Frisch glänzend und aufgeregt trat er etwas später vor die große silberne Tür.
„Eintritt nur mit Erzengel“ stand da groß auf einem Schild, doch wie ihm der Seraph versicherte, waren die im Moment nicht greifbar.
„Wieder mal Krisensitzung im Himmelsrat wegen ‚Planetin Erde‘, aber Freya empfängt Dich auch ohne Erzengel“, dabei schubste er ihn über die Schwelle. Wie von Zauberhand öffnete sich geräuschlos die schwere, mit vielen Ornamenten geschmückte, silberne Tür. Dahinter wurde er von einer gar lieblichen, weiblichen Erscheinung willkommen geheißen:
„Sei gegrüßt, Antonius“ tönte es wie von einem Himmelschor.
Der kleine Engel war etwas verwirrt. Woher kamen diese himmlischen Stimmen? Wie aus dem Nichts entstand in der Tiefe des Gewölbes, in dem er stand, eine Gestalt.
„Grüß Göttin!“ piepste Antonius ganz ungewohnt schüchtern und blickte voller Ehrfurcht. So eine schöne Gestalt hatte er im ganzen Himmel noch nicht gesehen. Goldene Locken, mit glänzenden Spangen hochgesteckt, unterstrichen ihre hohe, schlanke Figur. Ihr Umhang funkelte wie von Tausenden Diamanten besetzt. Aus einem samtigen Antlitz strahlten ihn funkelnde, blaue Sternaugen entgegen. Antonius stieg die Hitze in den Kopf stieg, so verliebt war er von dem Anblick der bezaubernden Freya. Sie lächelte, als sie das sah, umarmte ihn zart und küsste ihn auf die Stirn. Es war als ob ihr Licht ihn durchdrang. Seine Anspannung fiel ab und er wurde ganz ruhig.
Willkommen Antonius“, sagte sie, „da du nicht zum Inkarnationstrupp gehörst, wird Dir alles ziemlich neu vorkommen. Doch gerade für Dich habe ich ein paar ganz spezielle Aufgaben und dafür ist ein erinnerungsfreies Himmelseelchen meist besser geeignet. So gebe ich Dir für das, was Du an Gefühlen und auch an altem Wissen brauchst einen Rucksack mit. Pass gut auf ihn auf, denn ganz zuunterst steckt dein Rückkehrplan und ein Paar Flügel. An die gelangst Du aber erst, wenn Du all die Erdenpäckchen geöffnet hast. Wenn Du auf die Erde kommst, lösen sich Deine jetzigen Flügel auf, so will es das irdisches Gesetz.“ Antonius guckte ungläubig: Was, ohne Flügel? Wie sollte das denn funktionieren?
Freya erriet seine Bedenken.
„Keine Sorge, da unten gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, um vorwärtszukommen, schneller als Dir oft lieb sein wird.“
Sie überreichte ihm also einen kleinen, fast durchsichtigen Rucksack.
„Er sieht zwar winzig aus, aber es geht eine Menge rein, jedenfalls alles, was Du demnächst für Dein Erdenleben brauchst“.
Dann führte sie ihn zu einem langen Gang mit Tischen, auf denen unzählige hübsch eingepackte Schachteln lagen: große, kleine, runde, eckige.
„So lieber Antonius! Hier darfst Du erstmal einpacken, was Dir gefällt. Wähle gut aus, was Dir wichtig erscheint! „
Bei genauerem Hinsehen erkannte Antonius, dass die Pakete beschriftet waren.
„Oh!“ rief er erfreut, und strebte dem Tisch mit den Packungen FREIHEIT zu,
„die nehm` ich“ und holte sich ein größeres Paket.
„Ja, und die sind bestimmt auch gut zu gebrauchen“ und griff bei ERFOLG und FREUNDSCHAFT zu. „Und „GLÜCK“ pack ich ein und… mhhhh … „REICHTUM“? er zögerte.
Freya sah ihn ernst an: „Wo Du zweifelst, das lass liegen. Fühl genau, was Du möchtest! Umtauschen geht nicht mehr“. Antonius wurde vorsichtig. Er versuchte, sich zu konzentrieren, was ihm die Engel, die schon auf Erden waren, alles erzählt hatten. Es ärgerte ihn, dass er in der Engelschule so wenig aufgepasst hatte. Mit diesen Gedanken lief er achtlos an den rotglänzenden Paketen der LIEBE vorbei.
GESUNDHEIT, das meinte er noch im Ohr zu haben, wäre was ganz wichtiges. Deshalb nahm er davon eine recht große Schachtel mit. Ganz hinten im Raum wurde es etwas dunkler. Da gab es noch weitere Auswahl . Doch diese Behältnisse waren in düsteren Farben gehalten, von Grau bis hin zu tiefstem Schwarz. Instinktiv wollte er umkehren, zurück in die bunte Abteilung. Doch Freya nickte bedeutsam und sprach:
„Nun lieber kleiner Engel“, dort unten ist es nicht ganz so wie hier. Dort wirft Licht Schatten, aus Tag wird Nacht. Es ist der Ort der Polaritäten. Das habt ihr doch in der Engelschule gelernt, oder?“ Antonius war das peinlich, weil da hatte er wohl wieder mal geschwänzt.
Freya bemerkte seine Zweifel und fuhr fort:
„Damit alles in Balance ist, gibt es zu allem einen Gegenstück. Du darfst zwar die Pakete selbst wählen, aber bevor du hier rausgehst, misst Maathild auf ihrer Waage, ob deine Wahl ausgewogen und deiner Mission angepasst ist."
Antonius stromerte noch ein wenig ziellos an den Paketen vorbei und nahm sich - nicht sehr überzeugt - auch einige der dunkel verpackten Schachteln. Endlich war sein Rucksack voll, obgleich er sich sehr leicht anfühlte und so führte ihn die Himmelskönigin Freya wieder zum Silbernen Tor. An der Türschwelle nahm ihn Maathild, die Göttin der Gerechtigkeit in Empfang. Vor ihr stand eine reich verzierte goldene Waage. Maathilds Erscheinung war die einer ägyptischen Königin. Sie trug ein enganliegendes in sich changierendes Kleid, das mal hell, mal dunkel schimmerte. Die kunstvoll mit Ibisen bestickt waren. Ihre gelockten, schwarze Haare wurden von einem goldenen Reif, aus zwei in sich verflochtenen Schlangen gebändigt. Bedächtig abschätzend nahm sie Antonius‘ Rucksack und legte ihn in eine der Waagschalen. In der anderen lag nur eine weiße Feder, trotzdem blieb die Schale mit dem scheinbar so großen Erdenrucksack oben. Antonius konnte sich gar nicht vorstellen, dass sein großer Sack als leichter wie die Feder bemessen wurde. Freya nickte ihm liebevoll zu. Sie hatte noch eine größere Schachtel in der Hand. Ein persönliches Geschenk, wie sie sagte. „ZUFRIEDENHEIT“ stand darauf und als er es umdrehte war dort dieses Wort noch mal in Goldbuchstaben zu sehen.
„Dies ist mein Himmelssegen an Dich ohne Polarität. Im Großen und Ganzen zufrieden zu sein, wird Dir bei Deiner schwierigen Aufgabe tröstlich helfen.“ Sie legte das Paket in die Schale auf den Rucksack und tatsächlich hielt sich nun die Waage in ausgeglichener Balance. Maathild lächelte zufrieden und notierte mit einer großen bunten Feder, aus der goldene Tinte floss, alle gewählten Eigenschaften auf einer großen Papyrusrolle.
„Dies ist Dein Seelenvertrag“ sprach sie ernst.
„Du hast Dir Deine Aufgabenpakete alle, nun sagen wir fast alle, selbst ausgesucht und damit nichts vergessen wird, schreibe ich es nieder. Wenn du einst hierher wieder zurückkehrst, kannst du ihn lesen und wirst sehen, wie Dir alles gelungen ist, und das wünsche ich Dir von Herzen. Eine Kopie davon geht an die Akasha-Bibliothek.“
Antonius verstand zwar nicht wirklich, wie das zusammenging, doch er freute sich, als Maathild ihm einen sanften, kühlen Kuss auf die Stirn gab. Dann half sie ihm den Rucksack anzulegen.
„Gute Reise! Dein Schutzengel wird Dich von nun an beschützen“, sagten die beiden himmlischen Frauen im Chor und winkten ihm nach. Antonius wurde von einem schwebenden Etwas umhüllt . Das fühlte sich so wohlig an, dass er fast Gänsehaut kriegte. Freya klopfte noch dreimal mit ihrem goldenen Zepter auf den Rucksack, der trotz der vielen Pakete immer noch klein und leicht aussah.
„Gesegnet sei Dein Auftrag. Uns wirst Du leider vorerst komplett vergessen, aber Deinen Schutzengel solltest Du im Herzen und in Deinen Gedanken behalten.“ Antonius kapierte auch das nicht ganz, dachte aber, dass er die schöne, zauberhafte Freya niemals nie vergessen würde. Freya nickte weise, küsste ihn und schon als er die Schwelle der silberne Tür überschritt, wusste er nicht mehr, was dahinter vorgefallen war.
„Oh ich kann es gar nicht erwarten“ flatterte er aufgeregt.
„Stopp“, sagte ein mächtiger Elohim, der sich vor ihm mit seinen großen weißen Flügeln aufbaute.
„Noch Eines: Ich, Thomasio, genannt, schütze Dich in allen Lebenslagen und vor jeder Gefahr und wenn Du Dich meiner erinnerst, bin ich sofort zur Stelle, wenn Du mich rufst. Ich gehöre zu den Abgeordneten der Elohim. Wir sind in der Lage zu helfen, wenn man uns darum bittet. Doch diese Bitte ist wichtig, denn ohne Deine Anrufung und gegen Deinen Willen darf ich nicht eingreifen. Das höchste Gut, dass Du mitbekommst, ist deine persönliche Entscheidungsfreiheit. Du allein hast die Schöpferkraft, wie Dein Leben auf der Erde gestaltet werden soll. Dies ist himmlisches Gesetz. Dieses Wissen ist jedoch derzeit auf dem Planeten Erde noch wenigen bewusst und auch du wirst deine eigene göttliche Schöpferkraft über viele Jahre deines Erdendaseins nicht begreifen. Uns Schutzengeln ist lediglich erlaubt, Dich in ausweglosen Situationen nach dem kosmischen Plan zu beschützen. Also vertraue deiner eigenen Göttlichkeit, und mir, kleiner lieber Engel.“ Dabei strahlten Thomasios Augen unbeschreibliche Liebe aus und Antonius flossen dabei Tränen aus den Augen.
„Ups, was ist das denn? …meine Augen laufen aus?“
Thomasio lächelte weise:
„Nein Antonius, dies ist eine Eigenschaft der Menschen, wenn wir ihrem Herzen ganz nah sind. Tränen nennen sie es und sie kommen sowohl aus Freude, wie auch aus Trauer und machen auf unsere Gegenwart aufmerksam. Deinen Augen schadet es nicht, im Gegenteil, oft hast Du danach einen geklärten Blick. So, nun wird es aber Zeit für Deine Reise! Lass uns aufbrechen.“
Antonius nickte voller Dankbarkeit. Er fühlte sich leicht und befreit und bereit für große Taten.
„Fein“ rief er in großer Freude und schlug vergnügt einen Purzelbaum „dann ab, auf den Regenbogen“.



IM AUSNAHMEZUSTAND

 

Anton schloss das Büchlein. Inzwischen war auch Larissas Mutter in Begleitung ihres Bruders zurück. Sie wechselten noch ein paar Sätze mit dem Pfleger vor der gesicherten Glastür zum Intensivbereich. Auf dem Milchglas war ein Äskulabstab eingraviert. In roten Großbuchstaben erfuhr der Besucher, dass dahinter die Intensivstation 3 begann, eigenmächtiger Zutritt verboten und nur nach vorheriger Anmeldung mit diensthabendem Personal möglich war. Eine Sprechanlage mit Kamera an der Wand sollte diesen Kontakt herstellen. Beim Studieren dieser Anweisungen beschlich Anton ein dumpfes Gefühl: Hinter dieser Pforte lag Elli, seine Tochter. Er durfte momentan nicht zu ihr und dieses Gefühl der Machtlosigkeit machte ihm Angst und auch ein wenig ärgerlich. Er war es nicht gewohnt, vor verschlossenen Türen zu sitzen. Brigitte saß mit versteinerten Gesichtsausdruck neben ihm. Er nahm ihre Hand. Sie war eiskalt.
„Komm, wird schon alles gut, Schatz!“ flüsterte er ihr ins Ohr und glaubte in dem Augenblick nicht wirklich selbst daran. Das Bild von Elli mit all den Schläuchen, an die sie angeschlossen war, war zu erschütternd gewesen. Doch jetzt, als die kleine Larissa bei ihm saß, hatte er eine Erinnerung an eine Situation, die bei ihm eine ähnliches Unbehagen ausgelöst hatte: Ellis Geburt. Sie war alles andere als einfach gewesen. Ein Kampf im Kreissaal und zum Ende hin fast die Gefahr, dass das Kind noch erstickt wäre, weil sie durch Brigittes enorme Anspannung nicht auf natürlichem Weg kommen wollte und es für einen Kaiserschnitt zu spät war. Er erinnerte sich an das Drama vor 17 Jahren. Damals galt seine Angst jedoch mehr dem Leben seiner Frau, als dem kleinen, verrunzelten und blauangelaufenen Etwas, das schließlich doch noch den Weg durch den Geburtskanal fand. Als er dann das kleine Leben sauber gewaschen in Händen hielt, war er überwältigt. Die Liebe, die er für Ellen bis heute empfand, verstärkte sein momentanes Leid. Mit einem Seufzer streichelte er der kleinen Larissa über den Kopf. Sie hielt das Buch wie einen Schatz in Händen.
„Da Mami, wir haben gelesen, bis zum Pulzelbaum“ berichtete sie freudestrahlend ihrer Mutter, die gerade in den Warteraum trat. Die Frau küsste das Mädchen zärtlich auf die Stirn und lächelte Anton und Brigitte dankbar zu.
„Danke vielmals fürs Aufpassen, ich übernehm‘ jetzt wieder das Babysitting. Gerade ist Schichtübergabe, da sind Besucher nicht erwünscht. Ja, hier braucht man viel Geduld.“
Sie nahm Larissa an der Hand und ging mit ihr in die Spielecke mit bunten Sitzkissen und einem kleinen Holzschaukelpferd. Dort setzte sie sie auf eine kleine Bank, vor ein Tischchen mit Blättern und Malstiften.
„So Elfchen, Du hast schon so ein schönes Bild angefangen, nun mal wieder weiter, vielleicht ja einen Regenbogen“. Sie setzte die Kleine, die gleich brav nach den Stiften griff, vor ihr Malheft. Anton stand auf und gab das Buch, aus dem er gerade vorgelesen hatte, fast wie ein Relikt andächtig zurück. Gab es da so etwas wie eine Erinnerung? Und irgendwie kam ihm auch diese Frau vor ihm bekannt vor.
„Danke, ein nettes Büchlein, ein bisschen sehr sphärisch, mir gefällt es trotzdem, doch ob das die Kleine versteht?“ Larissas Mutter schenkte ihm ein offenes Schmunzeln.
„O.k. zugegeben, es ist schon speziell. Doch Larissa ist mit ihren fast vier Jahren bis auf ihren sprachlichen Ausdruck schon ziemlich weit. Sie würde es ja nicht ständig mit sich herumschleppen, wenn es ihr nicht gefiel. Außerdem glaub‘ ich, wenn ihr was too much ist, dann schläft sie ein. Ich hab‘ ihr und auch Lars einige Geschichten schon öfter vorgelesen und manchmal schlummert sie mir dann bei denselben Passagen weg. Fast so als ob sie im Schlaf noch mal drüber nachdenken müsste. “
Anton nickte bejahend. Auch ihm waren einige Stellen beim Vorlesen wie ein Déjà-vu vorgekommen: „Tja, kann schon sein, dass sie das Gehörte erstmal verdauen muss. Merkwürdig, ich glaube ich habe als Kind auch schon mal ähnliches gehört. Wobei ich mich hauptsächlich an den Engel erinnere. Meine Tante hat mir wohl als ich klein war etwas in der Art vorgelesen… sie war schon damals für mich… na ja, ein wenig wie von einem anderen Stern!“ dabei grinste er. Auch der Frau huschte dabei ein Lächeln über die Lippen. Sie hielt das Buch wie einen Schatz in Händen, überstülpte es mit einer Plastikhülle und steckte es wie eine Rarität in einen hellen Filzbeutel.
„Nun, für mich ist es ein ganz besonderes Buch: ich habe es auf einer meiner ersten Weltreisen in Seattle auf einem Rainbow Festival gefunden – ein deutsches Buch auf einem Flohmarkt in Amerika, schon komisch oder! Leider ist es schon sehr alt, ich schätze in den 30er oder 40-er Jahren gedruckt. Ich habe ein wenig recherchier, aber konnte bisher weder den Verlag noch die Autorin finden. Nun, vielleicht haben Sie recht: es ist nicht wirklich ein Kinderbuch. Trotzdem ist meine Larissa davon fasziniert.“ Ihre ungewöhnlich großen grünblauen Augen leuchteten dabei.: „ Ach T’schulidgung, wie peinlich, ich hab‘ mich noch gar nicht vorgestellt, Claudia Karlowski mein Name.“ Dann gab sie zuerst Brigitte, die das Gespräch der beiden im Hintergrund fast argwöhnisch beobachtet hatte, und dann Anton die Hand. Sie fixierte Anton mit einem wissenden Blick und fuhr in einem leicht sarkastischen Tonfall fort: „Es freut mich natürlich ganz besonders, dass Ihnen die Geschichten gefallen. Das hätte ich nämlich gar nicht von Ihnen vermutet. Ich kenn‘ sie natürlich, wer nicht in der Stadt, Herr Nunzius.“
Brigitte schaute etwas pikiert. Sie fand diese Aussage fast unverschämt. Ihr Mann schien das gar nicht so bemerkt zu haben.
„Ja, angenehm Nunzius, Anton Nunzius, der bin ich tatsächlich. Gibt ja derzeit genügend Plakate von mir.“ antwortete er fast etwas kokett. Dann blickte er jedoch, ob des forschen Blicks seines Gegenübers, verlegen zu Boden.
Claudia sah ihn skeptisch an und erklärte schnippisch: „Da haben sie allerdings recht, an jeder Straßenecke das eigene Konterfei, aber das dürfte Ihnen ja nur recht sein oder?“
Er nickte achselzuckend und zog es vor, darauf nicht zu antworten. Brigitte schnaubte hörbar empört. Sie sprang erleichtert auf, als sie eine Krankenschwester aus dem Intensivbereich kommen sh. Eine willkommene Gelegenheit diesem peinlichen Gespräch zu entfliehen. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen, denn Claudia Karlowski setzte sich schweigend zu ihrer Tochter. Larissa hantierte eifrig mit den Malstiften, während sich ihre Mutter mit ihrem Smartphone beschäftigte. Anton beobachtete sie mit verstohlenen Blicken und sann darüber nach, woher er diese Frau kannte. Trainiert durch seine öffentlichen Auftritte, vergaß er Gesichter von Menschen, mit denen er zu tun hatte, eigentlich nie. Allerdings bemerkte er nun jenseits der 50, dass ihm das immer schwerer fiel. Er grübelte weiter und plötzlich hatte er ein Bild. Genau! Natürlich! Claudia Karlowski! Wie konnte er das vergessen: sie war die Journalistin, die letztes Jahr den Film über die skandalösen Zustände in Peter Finnes‘ Hühnerfarm gedreht hatte. Der Film, den ihm seine Tochter immer vorhielt. Sie war ihm bereits auf einem der ersten Pressetermine zum Thema „Pro Industriegebiet Klöppelbach“ aufgefallen. Langes, dunkelblond gewelltes Haar, natürlicher sonnengebräunter Teint, lange schlanke Beine, in engen Jeans. Ja, sie war schon ein Hingucker und obendrein blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen. Anton erinnerte sich auf einmal recht genau an diesen verhängnisvollen Abend. Ihr Auftreten hatte wohl auch seinem Freund Peter imponiert. Sie hatte den Geflügelfarmbesitzer nach der Podiumsdiskussion mit großen Augen angeschaut und ganz unschuldig um eine Betriebsführung gebeten.
„Eine raffinierte Person!“ dachte sich Anton jetzt „und attraktiv, ohne Zweifel!“ Er konnte verstehen, dass sein Kumpel Peter was ganz anderes im Kopf hatte, als er sie nach der PR-Veranstaltung vertrauensselig durch seine Ställe führte, während sie mit versteckter Kamera in der Tasche heimlich filmte .
„Eine aparte Frau, aber ein wenig zu forsch“ meinte sein Freund hinterher reumütig. Denn der Skandal nach der Ausstrahlung des Films, in der brutale Tierquälereien zu sehen waren, zog Kreise. Anton war zwar über die Praktiken in Peters Firma gleichermaßen entsetzt. Und mit seiner Tochter Elli bekam er ein damit ein Riesenproblem. Dieser Clip war immer wieder Ellens beliebteste Waffe, wenn sie mit ihm darüber diskutierte.
„Schöne Freunde hast Du“, war meist ihr Kommentar dazu.
Anton befand sich in der Zwickmühle, entschied sich jedoch aus vielerlei Gründen, Peter nicht fallen zu lassen. Gleich nach der Ausstrahlung meldete er sich in seiner Funktion als Jugendbeauftragter der Stadt beim Sender und machte den verantwortlichen Redakteur zur Schnecke.
Sein vorgeschobenes Argument: „Kindern können Sie doch zu dieser Sendezeit so etwas nicht vorführen!“
Demütig versprach der Gescholten, das dieses Material sofort zu sperren. Zu spät: es war schon längst auf youtube zu sehen. Ein paar Tage später wurde Claudia Karlowski dafür mehr oder minder gefeuert. Begründung: illegal gedrehtes Material hat in einem seriösen Programm nichts zu suchen. Claudia Karlowskis Statement dazu: „Der Zweck heiligt die Mittel und es ist durchaus von öffentlichem Interesse, wenn beispielsweise bereits verendete Tiere noch in die Tierfutterverwertung kommen.“
Doch ihr Anwalt konnte gegenüber den Justitiaren des Senders nicht punkten, sie musste gehen. Nun, als Anton ihr im Warteraum fast gegenüber saß, war ihm diese Aktion natürlich äußerst peinlich. Hoffentlich wusste sie nicht, dass er der Urheber ihrer Kündigung war. Eine falsche Hoffnung!
Claudia hatte sofort gecheckt, mit wem sie es zu tun hatte. Es war ihr schon damals klar gewesen, dass dies ein politischer Rauswurf war, hinter dem Anton Nunzius stand. Jeder in der Stadt wusste, dass er Studienkollege von Peter Finnes war und sie auch jetzt noch privat miteinander verkehrten, ebenso wie mit dem Programmdirektor beim Sender. Doch Claudia war Anton Nunzius nicht böse, auch wenn sie ihm so provozierende begegnet war. Er sollte ruhig ein schlechtes Gewissen haben. Im Grunde konnte sie ihm dankbar sein. Durch die Kündigung beim Fernsehen hatte sich für sie ein völlig neues Aufgabengebiet ergeben. Sie arbeitete nun für einen esoterischen Verlag, entwarf Flyer und Werbetexte für ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm, ob Vorträge über Heilkräuter, Klangschalenkonzerte oder schamanische Ausbildungen. Das machte nicht nur Spaß, sondern eröffnete ihr die Möglichkeit, in eine Welt zu schauen, für die sie sich schon immer interessiert hatte. Sie war kritisch genug, zu unterscheiden, was reine Abzocke oder wahres heilendes Anliegen war. Darüber entschied meistens ihr Bauchgefühl und das hatte sich gerade eben unmissverständlich wie ein Schmetterling im Bauch gemeldet, als sie gerade dem Urheber dieser Entwicklung gegenüber saß. Claudia fand ihn absolut nicht unsympathisch. Der Stadtrat war durchaus ein attraktiver Mann. Seine hünenhafte Figur wirkte durchtrainiert. Dunkle, etwas längere Haare und ein akkurat geschnittener Backenbart verliehen ihm ein weltmännisches Auftreten. Kein Wunder, dass ihm seine Partei als Landtagskandidat ins Rennen schickte und seine Frau, Brigitte Nunzius, passte in gewisser Weise dazu, auch wenn sie ihm von der Größe her nur bis zu den Schultern reichte. Sie war perfekt gestylt und dezent geschminkt. Beiger Cardigan über einem nussbraunen Etui-Kleid, gleichfarbige Lederstiefel und eine Handtasche gleichen Fabrikats, die erraten ließ, dass dies Originallabels und keine Imitate waren. Claudia hatte bemerkt, wie die Frau sie von Kopf bis Fuß wie in einem Röntgenblick taxierte.
„Ja, schauen sie mich nur genau an“ war sie fast versucht zu sagen, „ich halte nichts von Klum, Prada & Konsorten.“ Sie verkniff sich jedoch diese provokante Aussage.
Brigitte hatte sie tatsächlich genau nach diesen Kriterien gescannt.
„Jugendlook auf eine eigene Art geschmackvoll, in Jeans und weißer bestickter Bluse, bloß die Zeiten von silbernen Indianerschmuck waren doch auch schon vorbei, oder? dachte sie abschätzend. Ihr eigenes Outfit war ihr heute überraschenderweise relativ egal gewesen. Die Sorge um Ellen war zu groß, als jetzt noch passenden Schmuck auszuwählen. Sie hatte sich nur für kleine Goldohrstecker und die Cartier-Uhr mit braunem Krokoband entschieden. War es ihr also doch nicht so ganz egal! Allerdings war sie selbst der Meinung, sie hätte heute auch im Schlafanzug dasitzen können. Der wäre in dieser Situation bedeutend bequemer gewesen, denn die Wartezeit zog sich endlos hin. Wie gelähmt saß sie inzwischen wieder auf ihrem Stuhl und dachte an ihre schwerstverletzte Tochter. Einzig das leichte Zittern, das durch ihre Oberschenkel lief, ließ die Anspannung erkennen.

 

Anton ging es nicht anders, doch er wollte seine innerliche Unruhe nicht in diesem Raum auslassen. Deshalb verabschiedete er sich für einen Moment nach draußen. Die frische Luft vor dem Klinikportal tat ihm gut. Er entfernte sich von der Patienten-Gruppe notorischer Raucher, die in ihren Bademänteln ihrer Sucht frönten. Auf einer Bank im angrenzenden Garten checkte er sein Handy und ging die ihm entgangenen Anrufe durch. Nichts, was jetzt für ihn von Bedeutung wäre oder doch? Die Nummer mit der Schweizer Vorwahl, das war seine alte Tante Marga. Er drückte die Wahlwiederholung. „Hallo Tantchen! Toni hier, wie geht’s!“ fragte er die inzwischen fast 80jährige, die sich mit einem „Gruezi“ gemeldet hatte. „Na wie soll es schon einer Oldtimerin wie mir gehen? Ich komme gerade von einem kleinen Abendspaziergang zurück - bin froh, dass ich das noch machen kann. Ich habe an der Kapelle für Ellis Genesung eine Kerze angezündet, nachdem ich Deine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hörte. Wie geht’s denn Eurem Mädel?“
Anton versuchte möglichst harmlos zu klingen: „Leider ist sie ist noch auf der Intensivstation. Wir hoffen natürlich, dass sie bald aus dem künstlichen Koma geholt wird. Soweit kein Grund zur Aufregung, Tantchen.“
„Ach Junge, das klingt aber nicht so toll, ich riech‘ doch förmlich Eure Sorge, das ist ja auch wirklich ein Schicksalsschlag. Soll ich nicht zu Euch rüberkommen?“ Anton konnte seiner Tante nichts vormachen. Sie spürte immer genau, was vor sich ging, obgleich er das Drama um Ellen, wie er meinte, so betont unaufgeregt wie möglich beschrieben hatte.
„Nein, Tante Marga, das brauchst Du nicht. Ehrlich gesagt, sitzen wir ja eh‘ meistens im Warteraum. Die Besuchszeiten auf einer Intensivstation sind sehr eingeschränkt. Mach‘ du dir da mal keine Gedanken“.
Dann fiel ihm die Geschichte, die er gerade Larissa vorgelesen hatte, ein.
„Aber ich wollte dich noch was fragen: Du hast mir doch früher immer Engerlegeschichten vorgelesen, weißt Du noch?“
„Mhh! Da müsste ich noch mal nachdenken, Engelgeschichten? Kann ich mich jetzt ad hoc nicht erinnern. Klaro, ich hab Dir viele Märchen erzählt, aber ist ja wohl schlappe 50 Jahre her oder,“ brummelte seine Tante, die immer stolz auf ihr gutes Gedächtnis gewesen war. „Also das Buch hat so einen hellblauen Einband und ich glaube eine goldene Schrift und der kleine Engel hieß fast wie ich, nämlich Antonius.“
In der Leitung war erst eine kleine Funkstille, bevor seine Tante vor Entzücken quiekte. Sie hatte sich immer noch ihre seit jeher kindliche Freude bewahrt:
„Uiihuuiihh, ja natürlich, das Buch meinst Du, ich erinnere mich. Freilich kenn‘ ich das noch. „Himmelsgeschichten“ - die haben Deine Mutter und ich uns immer gegenseitig vorgelesen und danach heiß diskutiert. Da konnte Marion durchaus mal laut werden. Oh ja, sie wollte immer wieder die Geschichten von den Ahnenhallen hören. Ach, Gott hab sie selig.“ hauchte sie berührt in die Leitung.
„Heut‘ sitzt deine liebe Mutti dort hoffentlich selbst im himmlischen Frieden, das wünsch‘ ich ihr. Schad‘, Junge, hast halt nur noch Deine alte Tante“, schniefte sie durch die Leitung. Anton schluckte. Seine Eltern waren beide innerhalb eines Jahres gestorben. Der Vater an einem bösartigen Gehirntumor, seine Mutter kurz danach durch einen Herzinfarkt. Sie waren zwar damals schon beide weit über siebzig, trotzdem fühlte er sich danach wie ein Waisenkind, obwohl schon längst erwachsen. Doch auch dieses betrübliche Ereignis war inzwischen schon fast 10 Jahre her. Seine Tante hatte nie geheiratet und war kinderlos geblieben. Anton hatte nach dem Tod seiner Mutter den Eindruck, Tante Marga sah in ihn ein wenig, wie einen eigenen Sohn.
Die alte Dame räusperte sich nun:
„Ja Toni, an dieses Buch habe ich noch oft gedacht, denn die Erinnerung daran hat mich lange begleitet. Ich habe es damals auf meine erste Weltreise in die Staaten mitgenommen und es leider zusammen mit meinem Reisetagebuch in einem Auto vergessen, als ich als Anhalterin die amerikanische Westküste abgeklappert habe. Ich war damals sehr traurig darüber, das war mir ein großer Verlust. Ich habe es auch nie mehr in Deutschland auf dem Buchmarkt gefunden und so ist es in Vergessenheit geraten. Wieso fragst Du grad jetzt danach?“
„Nun, Du wirst es nicht glauben, ich habe gerade einem kleinen Mädchen hier im Wartezimmer daraus vorgelesen. Das ist doch wirklich witzig! Dass es solche Zufälle gibt!“ Seine Tante widersprach dieser Theorie. Anton hatte fast mit dieser Antwort seiner Tante gerechnet.
„Zufälle Anton gibt es nicht, wir sind geführt und dass Dich dieses Buch gerade jetzt begleitet, das ist großartig und hat Bedeutung.“
Für Anton erschloss sich der Sinn dieser Aussage zwar nicht, aber er vertraute seiner Tante.
Marga wünschte ihm und Brigitte viel Geduld und Kraft und für Ellen gute Besserung.
„…und wenn ihr mich braucht, bitte melde Dich und falls es das Büchlein noch irgendwo gibt, ich würde es gerne nochmal lesen, ja!“
Anton versprach ihr, sein Bestes zu tun, damit verabschiedete er sich.
Auf dem Display sah er, dass wohl mehrmals sein Büros versucht hatte ihn zu erreichen, doch das war ihm im Moment ganz und gar nicht wichtig. Es schien ihm eher wie Nachrichten aus einem anderen Leben.
Er ging wieder zurück in den Warteraum. Brigitte rollte mit den Augen und tippte auf ihr Uhrband. Ihr schnaubendes Ausatmen und Fußwippen zeugte von größter Ungeduld. Auch Anton ging die Warterei auf die Nerven. Er wollte zu Ellen. Endlich kam eine Schwester auf sie zu.
„Guten Tag, ich bin Schwester Ricarda. Frau und Herr Nunzius?“ schaute sie fragend. Die beiden nickten. „Sie können im Moment ans Bett ihrer Tochter. Leider ist die Besuchszeit wegen ihres nicht ganz stabilen Zustandes etwas begrenzt.“ Brigitte schaute sie entsetzt an. Die erfahrene Krankenschwester beruhigte sie: „Für morgen früh hat sich der Herr Professor angesagt, dann wissen wir mehr.“
„Na endlich! Wir dachten schon, heute gar nicht mehr dran zu kommen. Bisher verbrachten wir die meiste Zeit im Wartezimmer, statt am Bett unserer Tochter.“ Antons Tonfall war etwas hitzig. Schwester Ricarda überhörte es. Sie nahm stattdessen seine leicht schwankende Frau, der wohl beim plötzlichen Aufstehen der Kreislauf versagt hatte, in den Arm. Sie sah die beiden mitfühlend an. Ihr war klar, durch welche Höllenqualen die Angehörigen hier gingen. In einer Umkleidekabine schlüpften sie wieder in ihre keimfreien Kittel. Vorsichtig schlurften sie mit Überschuhen aus Plastik in den Intensivraum. Elli lag hinter Paravents abgeschirmt immer noch wie ein Schneewittchen im Sarg da, blass und leblos. Sie wurde von einer kompliziert aussehenden Maschine versorgt. Eine Atemmaske und Transfusionsschläuche hingen an ihr, seitlich war ein Urinbeutel befestigt. Der Anblick war für beide schwer zu ertragen. Sie fassten sich an den Händen und gingen vorsichtig ans Bett. Brigitte gab ihr einen Kuss unterhalb des Verbandes auf die Wange und Anton versuchte sie an der Hand zu halten, so gut das durch die Infusionsnadel möglich war.
„Hallo, wir sind wieder da. Oh Elli, bitte bitte wach auf!“ flüsterte Brigitte. Anton hofftedarauf, dass Elli sie wahrnahm, doch es kam keinerlei Reaktion. So standen sie beide eine Weile hilflos vor dem Bett.
Claudia Karlowski war inzwischen ebenfalls in den Intensivbereich geleitet worden. Wortlos warf sie den beiden im Vorbeigehen einen sorgenvollen Blick zu. Auch sie versuchte, diese erdrückende Atmosphäre würdevoll zu ertragen. Ihr 10jähriger Sohn Lars lag gleich nebenan. Um ein wenig Privatsphäre zu haben, stand dazwischen ein hellblauer Wandschirm mit Schmetterlingen bedruckt. Anton und Brigitte hörten zwangsläufig, wie sich Claudia Karlowski mit ihrem Sohn, wie in einem normalen Gespräch, unterhielt.
„Na mein Liebling, jetzt bin ich allein hier. Onkel Sven ist schon auf dem Weg zum Bahnhof und Dein Schwesterchen malt gerade ein so schönes Bild von Dir mit einem Riesenfußball drauf. Der ist größer als du. Nach den Weihnachtsferien kann ich sie in den Kindergarten geben, da ist überraschenderweise ein Platz frei geworden. Ach da bin ich froh! Erinnerst du dich noch, bist auch immer so gerne hingegangen und dein Kindergartenfräulein Frau Else auch immer noch da.“
Das klang wie ein lockeres Gespräch, bei dem die Antworten jedoch ausblieben. Anton und Brigitte waren ein wenig befangen. Stumm saßen sie beide da. Brigitte streichelte zaghaft Ellis kühle, steife Finger. Es gab darauf keine Gegenreaktion. Brigitte fühlte sich in dem Moment ebenso kalt, steif und ohnmächtig, wie ihre Tochter. Was konnte man hier schon tun! Und dann fiel ihr plötzlich ein, was sie früher in solch aussichtlosen Momenten immer getan hatte. Sie faltete ihre Hände und begann zu beten. Das hatte sie wohl das letzte Mal vor Jahrzehnten getan:
„Gebenedeit seist Du Maria…“.
Die Worte fielen ihr ohne langes Überlegen ein. In der Klosterschule war das immer ihr Morgengebet gewesen. Himmlische Unterstützung tat not. Obwohl Anton das befremdlich vorkam, ließ er Brigitte gewähren. So hatte er seine Frau noch nie erlebt. Es war ihm etwas peinlich, denn er wusste, dass sie nebenan gehört wurden. Es war eben eine Ausnahmesituation. Und Brigittes Gebet verstummte dann auch wieder, als ihr die Tränen dabei kamen. So standen sie etwas beklommen in Stille da. Nur die gleichmäßigen Akustiksignale der Maschinen waren quälend zu vernehmen. Fast wie eine Erleichterung empfand es Anton, als Claudia Karlowksi Stimme leise zu hören war. Sie las ihrem Sohn offensichtlich aus dem bereits bekannten Buch vor. Er und Brigitte lauschten der angenehmen Stimme hinter dem Paravent:

 

DIE REISE BEGINNT

Vor dem Regenbogen hatte sich bereits eine Riesenschlange an Engeln verschiedenster Größe eingefunden. Antonius stellte sich etwas missmutig hinten an. Das würde wohl noch dauern, bis er an der Reihe war. Neben ihn stand eine kleine, klapperdürre Gestalt, allerdings wie es aussah ohne Rucksack.
„Na, Du reist aber mit kleinem Gepäck", sagte er überrascht.
"Oh hallo", piepste das dürre Etwas, „ja, ich brauch‘ wohl nicht viel, hat man mir gesagt und käme eh gleich wieder. Keine Ahnung, warum ich dann vorher diese schrecklich steile Rutschbahn runter muss?“

 

 

...... das Buch ist ca. 220 Seiten lang und noch unlektoriert. Sollte sich ein Verlag dafür ehrlich interessieren, bitte melden. Ich sende gerne vom ganzen Buch eine PDF.